falling deeper
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Hochmut's Teil - umgeschrieben

~ Maltron, Karanes ~

Hochmut

Das Meer aus Wolken breitete sich unendlich über den Horizont aus. Die Schneewehen ließen kaum einen Blick auf die Landschaft, die Berge waren nur Schemen, welche die Erinnerung in die Wolken zeichnete.
An einigen wenigen klaren Tagen konnte man bis zu den Gipfeln blicken. Der Schnee, der stetig und still herab fiel, bedeckte die Spitzen der Berge und es schien, als habe sie jemand in Sahne getaucht. Nebel verhüllte ihre Gestalt und hinter ihnen versank die Welt in einem verschwommen grau.

Die Landschaft war so weiß und ebenmäßig rein, als habe die Natur sich einen Spaß erlaubt, und in diesem Tal das Grün der Blätter und Gräser, das Braun der Hügel und der Rinden gebleicht. Der Frost hielt das Tal in seiner festen Umklammerung, trennte das Schloss Clyme von der Außenwelt ab.

Inmitten jenes Tales ragte eine imposante Burg hervor, thronte über den Wipfeln der höchsten Bäume. Der weiche Farbton des wettergegerbten Gesteins war einer gläsernen, milchigen Schicht aus Schnee und Eis gewichen, sodass es den Anschein hatte, als sei’ die Burg selber vom Winter erbaut worden. Einzig die dunklen Fenster, die jedes Licht einzusaugen schienen, und das riesige, eichenholzfarbene Eingangstor an der Südseite des Bauwerks, hoben sich von dem Weiß der Landschaft ab.

Der Wind heulte um die Kanten der Festung, fegte über den Innenhof und machte sich einen Spaß daraus, die armen Geschöpfe, die sich nach draußen wagten, einen kalten Schock unter die Mäntel zu jagen. Er drückte sich mit aller Kraft gegen die Türen, versuchte, die Fenster zu zerstören und riss an den Bäumen, die im Hof seit einigen Jahrzehnten diesem Wetter jedes Jahr ausgesetzt waren.

Doch im Inneren der Burg Clyme war es warm. Die Bastion und alle, die in ihr wohnten, wussten um die herrischen Winter und man hatte sich darauf eingestellt.

Die Kamine brannten jeden Tag lichterloh und es gab extra Bedienstete, welche die Aufgabe hatten, dafür zu sorgen, dass jeder, der in Clyme seinen Studien nachging, warme Bettpfannen vorfand.

In guten Jahren ging die Verschwendung der Wärme gar soweit, dass Zimmer, die nicht genutzt wurden, ebenfalls beheizt wurden. Nur für den Fall, dass ihr Nutzen wieder entdeckt werden könnte.

Schloss Clyme war die einzige Akademie für Magister, Priester und angehende Politiker. Familien, die die enormen Summen für das Studium aufbringen konnten, schickten ihre Kinder hierher, um ihnen die Chance auf ein einflussreiches Leben zu geben.
Die meisten Novizen stammten fast ausschließlich aus gut diesen betuchten Familien und den Überfluss des Schlosses als selbstverständlich an.

Doch nicht jeder Novize stammte aus einem dieser adeligen Clans. Es gab einige wenige, deren Zukunft durch den Gott des Landes selber gesegnet worden war.

Jedem Bewohner des Landes Karanes war es möglich, um eine Audienz bei einem höfischen Ausleser zu erbitten. Die Kinder wurden von diesem speziell ausgebildeten Magistern begutachtet, und wenn sie einen wachen Verstand, ausgeprägten Fleiß aufwiesen, wurden sie dem Gott Katares vorgestellt. Dieser segnete die Kinder.

Und mit der Berührung eines Gottes auf der Haut der mittellosen Kinder war ihnen ein Platz an der Akademie Clyme sicher.

Der Speisesaal war wie jeden Nachmittag überfüllt und voller Novizen, die sich mit dem Mittag beeilten, um noch etwas Zeit für private Angelegenheiten zu haben. Einige wenige Magister stolzierten durch die Tischreihen, auf der Suche nach einem ihrer Schüler. Und trotz ihres meist hohen Altern strahlten sie eine enorme Kraft und Klarheit aus, die mit dem Empfangen der Gabe einherging. Der Duft von verschiedenen Speisen lag in der Luft und es war stickig, wie in einer unterirdischen Höhle.

Heute war der Trubel in dem viel zu kleinen Saal noch gewaltiger und der Krach der durcheinander rufenden Novizen bis in den unterirdischen Bücherkeller zu hören.

Es war der Tag der Mondruhe, der Tag der dunklen Nacht und traditionell wurden an einem solchen Zeitraum die Ergebnisse der letzten Prüfung durchgegeben.

Jene, die sich durch eine besondere Begabung ausgezeichnet hatten, wurde die Möglichkeit geboten, in besonders jungen Jahren ihren Abschluss zu machen und die Gabe der Schattensicht zu erhalten.

Seit Jahren hatte es einen solchen Fall nicht mehr gegeben. Doch vor wenigen Monaten hatte die Rektorin der Akademie, in einer Zukunftsvision eine Ahnung erhalten, die sie als Ankündigung eines solchen Genies gedeutet hatte. Nun wollte jeder erfahren, wer dieses Genie war und selbst jene, die keine Prüfung abgelegt hatten, drängten sich in den Speisesaal – in dem sich auch die Tafel für Ausschreibungen befand – um von einem besonderen Ergebnis zu hören.

Während die meisten Novizen sich auf den Bänken in der Nähe der Tafel und der Tür zum Administratorenzimmer tummelten und ihr Essen kaum eines Blickes würdigten, stand eine einzelne Person von der Menge abgewandt unter den Treppen an der Ostseite der Halle.

Unterdessen die Schüler diskutierten, ob sich jemand im Unterricht besonders hervorgehoben hatte, lehnte sich die Gestalt an einen der Balken, die eine der alten Holztreppen in die Bibliothek über dem Speisesaal trugen, und betrachtete mit forschendem Blick auf die Szene vor sich.

Sie strahlte eine unerschöpfliche Ruhe aus und trotz ihrer Jugend – war sie doch nicht mehr als achtzehn Winter alt – wirkte sie reif und vernünftig wie eine erwachsene Frau. Die Unmut und die Ungeduld der anderen Novizen schien sie kaum zu erreichen. Ebenso wie die Kälte, die das Schloss im Griff hielt, schien es.

Hochmut trug nichts weiter als eine schmale schwarze Robe über einem einfachen grauen Wams, schwarze Hosen und dunkele Stiefel. Die Kapuze der Robe ruhte auf ihren Schultern, verdeckt von ihrem seidigen schwarzen Haar.

Sie stand im Halbschatten der Treppe, das Licht wurde von den braunen Schuppen auf ihrer Haut reflektiert, in ihren schwarzen Augen glitzerte es und schien sich in einer schwarzen Unendlichkeit ewig zu brechen.

Noch immer sah sie keinen der Magister aus dem Gemach des Administrators kommen, niemand heftete das erwartete Papier an die Tafel. Schon seit den frühen Morgenstunden wartete Hochmut im Speisesaal, zurückgezogen von den anderen und mit dem Blick auf die Tafel gerichtet. Doch wie auch die Geduld der Novizen, die grummelnd den Saal verließen, ging sich Hochmuts Geduld allmählich zur Neige.

Mit einem tiefen Seufzer trat sie wieder in den Schatten der Treppe und ließ sich auf dem samtbezogenen Lesesessel, der dort neben einer antiquierten Lampe mit passendem Tisch darunter, befand. Auf dem Tisch ruhten die Zeugnisse ihrer langen Wartezeit:

Ein altes Buch mit mehreren Lesefalten, Eselsohren und gewundenen Seiten lag mit dem Einband nach oben da, eine leere Tasse mit den klebrigen Überresten eines honigfarbenen Getränkes und einige Krümel, die von einem Stück des süßen Apfelkuchen stammten, den sie in der Küche erschmeichelt hatte.

Nachdem sie ihre Robe zurechtgezupft und einen enttäuschten Blick in die leere Tasse geworfen hatte, griff Hochmut erneut nach dem Buch und begann darin zu stöbern.

Es war eines der am meisten gelesenen Bücher der Clym’schen Bibliothek, eine frühe Arbeit des ersten Dieners des Gottes Katares, Ryone Baumhoch. Es trug den Titel „Die Geschichte einer wachsenden Hoffnung“.
In ihm wurden die ersten Tage des Gottes auf Erden in seinem Palast in Kantar berichtet, darüber, wie er seinen ergebenen Dienern ein unnatürlich langes Leben verlieh’ und von der Entwicklung des Landes Karanes.

Auch wurde von dem starken Band des Gottes mit seiner Schwester Ravani bereichtet, die das Nachbarland Ravene regiert. Über ihren Streit und die Eifersucht, die Katares ergriff, als er von der innigen Beziehung von Ravani und Anerius, dem höchsten aller irdischen Götter und seinem Halbbruder, hörte.

Das letzte Kapitel, das fast ein Drittel des gesamten Bandes umfasste, berichtet dann von Ryones Schmerz, als sein Herr ihm eröffnete, er würde das Land nicht mehr selber regieren. Er würde fort gehen, sein einsames Leben in Irthil, dem Nebelreich der Götter, verbringen.

Die letzten vier Seiten schrieb Ryone mit seinen letzten Atemzügen. Er sprach davon, dass er nicht zu glauben fähig sei, die Liebe zu einem Gott könne durch eine Gemahlin übertroffen werden – was ihn nicht davon abhielt, sieben Kinder zu zeugen, womit er die Sippe der Athan begründete
Seine letzten Worte, auf der letzten, ansonsten leeren Seite, prägen die Stadttore von Katar noch heute:

Denn Glückseligkeit erweckt nur die Liebe des Vaters.

Wie auch Hochmut, war Ryone ein Kayare gewesen. Die leiblichen Kinder des Gottes mit einer dämonischen Echse. Geprägt von demselben Äußeren der Dämonin – schuppig, groß, kräftig, schwarzes Haar – und der Begabung des Gottes waren sie die erste Götterrasse seit Beginn der Geschichtsschreibung. Kayare galten als gebildet, rassig und anmutig. Viele Anhänger dieser Gattung besuchten Clyme oder hatten schon ihren Abschluss errungen und arbeiteten nun als Magister und Beamte im ganzen Land.

Und auch der gesamte Hofstaat von Karanes bestand aus Kayaren.
Hochmut hatte das Buch viele Male gelesen. Es war eine wichtige, historische Chronik ihres Landes und man erwartete, dass sie die wichtigsten Stellen fehlerfrei rezitieren konnte. Aussagen des Gottes über die verschiedenen Bereiche des Lebens: Religion, Bildung, Gesundheit, Erziehung. Auch waren seine Weisheiten und seine persönlichen Ansichten von essentieller Bedeutung für die Kultur des Landes gewesen und waren es heute noch, weswegen fast jeder Novize, der aus einer betuchten Familie stammte, eine Kopie dieses Werkes an erster Stelle in seinem persönlichen Bücherregal aufbewahrte.

Gerade versank Hochmut in der detaillierten Beschreibung Ryones, wie Katares seinen Palast „Maitdyr“ aus dem Gestein des roten „Blutberges“ Rina schlug, als sie bemerkte, dass die allgemeine Lautstärke angeschwollen war.

Die Schüler begannen wild durcheinander zu reden, Stühle wurden angeschoben, Roben gerafft und Teller sowie Besteck zusammengeworfen.

Interessiert und mit einer zaghaften Hoffnung auf Erlösung legte Hochmut eiligst und ohne viel Umsicht ihre Kopie der „Geschichte einer wachsenden Hoffnung“ beiseite, erhob sich und trat so weit vor, dass sie wieder den gesamten Saal in ihren Blick fassen konnte.

Die Tür des Administratorenquatiers stand offen. Administrator Frayn Eishöhle, ein großer und attraktiver Mann in den späteren Jahren mit einer charakteristischen Narbe auf der strahlenden Glatze, stand im Türrahmen, in eine angestrengte Unterhaltung mit der Magisterin Aeyvo Staubklinge vertieft. In der Hand hielt er eindeutig mehrere Zettel von äußerster Wichtigkeit. Selbst am anderen Ende der Halle konnte Hochmut die fein eingearbeiteten Goldfäden an ihrem sanften Glanz erkennen und ihr Herz begann, vor Nervosität höher zu schlagen.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sich der Administrator von der Magisterin mit einer entschuldigenden Geste abwandte und dann mit schnellen Schritten auf die Tafel für die Ankündigungen zutrat.

In der Halle wurde es immer stiller und die nervöse Erregung der Novizen hing drückend in der Luft. Mit geschickten Händen, die diese Tätigkeit schon hunderte Male erledigt hatten, heftete der Administrator die Kundgebungen an die Tafel, drehte sich um, ermahnte alle Novizen im Raum mit einem ernsten Blick zu angemessenem Verhalten, und trat dann in einer ausladenden Geste zurück zu Aeyvo.

Schon während sich die beiden auf dem Weg die Treppe hinauf befanden, unter der Hochmut mit klopfendem Herzen stand, bewegten sich die Novizen auf die Tafel zu. Bald schon war der kleine Platz vor der breiten Ausschreibungstafel von drängenden Novizen überfüllt.
Hochmut atmete tief ein und schloss dabei die Augen.

Sie griff nach ihrem Buch, ließ die Tasse gewissendlich stehen, und trat dann bemüht ruhig an der Treppe vorbei und etwas abseits von der sich drängenden Meute zu der Tür des Administratorenquartiers.

Sie blieb ein Stück vor der Tür stehen, beobachtete die anderen Novizen, die noch immer ein gutes Stück von ihr entfernt waren.

Ihre Hoffnung sank langsam, als sie sah, wie viele sich nach vorne drängelten und einen Blick auf die Ergebnisse erhaschen wollten. Es würde sie viele Nerven und wohl einige blaue Flecken kosten, sich dort hindurch zu drängen.
Seufzend zuckte Hochmut die Schultern und ließ sich auf der Ecke der erstbesten Bank neben den Esstischen fallen, um ein wenig mehr in Ryones Chronik zu Blättern.

Doch kaum hatte sie weitere drei Seiten gelesen, wurde ihr Lesefluss jäh unterbrochen. Die Tür des Adimintratorenquartiers wurde ein weiteres Mal geöffnet und heraus trat die Magisterin Reila Eishöhle, Gattin des hochgeschätzten Administrators. Hochmut blickte von ihrer Lektüre auf und stutzte, als Reila sie mit einem undeutbaren Blick zu sich winkte.
Sie folgte dieser Geste, markierte mit ihrem Finger die Seite des Buches und stand dann auf. Mit wenigsten Schritten trat sie auf Reila zu, die noch immer in der Nähe der Tür zu ihrem Quartier stand. Als Hochmut an ihrer Seite angekommen war, nahm die Ältere sie an sich, indem sie ihr einen Arm um die Schultern legte. Von dieser Geste überrascht, entschloss sich Hochmut gegen ihr Vorhaben, die Magisterin nach dem Grund für ihr seltsames Verhalten zu fragen.

Reila sputete sich, zerrte Hochmut quer durch den Speisesaal und schlug den Weg ein, der sowohl in den Trakt der Himmelsprofessoren als auch in den der Verwaltung führte. Sie gingen schweigend nebeneinander her und nur das stetige Klacken ihrer Stiefel und das Flattern von Reilas Robe bildeten ihre Geräuschkulisse. Als sie den halben Professorentrakt durchquert hatten, konnte Hochmut nicht mehr bei sich halten.

„Magisterin …“, begann sie, wurde aber unterbrochen, als Reila abrupt stoppte und Hochmut mit sich zu einer Tür zog. Hochmut schluckte, denn sie erkannte diese Tür als eine derjenigen, die hinab in die Kellergewölbe der Burg führten – Wo man Bücher, Chemikalien und anderes Wissen aufbewahrte. Es war jedem Novizen verboten, diese Gänge ohne Erlaubnis des Administrators zu betreten und Hochmut war nicht sicher, ob es in Begleitung seiner Frau nicht auch Konsequenzen geben könnte. „Magisterin Reila“, begann Hochmut wieder, während die ältere Frau einen Schlüsselbund hervorholte und begann, den richtigen Schlüssle zu suchen.

Als keine Antwort kam, entschied sich die junge Kayare, etwas forscher und direkter vorzugehen. Reila und Hochmuts Mentor Leciwe Mooswald waren gute Freunde und so musste Hochmut keine Rüge wegen mangelnden Respekts erwarten – Es hatte viele Morgen gegeben, ehe das Eis des Winters Clyme in den Griff bekommen hatte, in denen Hochmut, Leciwe und Reila zusammen auf der Terasse vor dem Speisesaal gemeinsam gefrühstückt hatten. Das Verhältnis zwischen ihnen war locker, fast freundschaftlich.

„Reila, ich verstehe den Sinn dieses überstürzten Aufbruchs nicht und werde nicht ohne die Zustimmung ihres Mannes das Kellergewölbe betreten!“

Für wenige Augenblicke herrschte Schweigen in jenem Gang und Reila stockte in ihrem Suchen nach dem richtigen Schlüssel.

Sie sah auf und schenkte Hochmut ein trauriges Lächeln. „Es tut mir Leid, Hochmut. Es ist nur … Die Zeit drängt und ich fürchte, du wirst keine Freude daran haben.“

Hochmut runzelte die Stirn und sah still zu, wie die Magisterin einen Schlüssel von den anderen absonderte und damit die Tür zum Gewölbe öffnete. „Ich versichere dir, dass das Betreten des Kellers von meinem Mann bewilligt wird.“

Mit einem kräftigen Ruck zog sie die schwere Eisentür nach außen auf. Das Metall gab ein unangenehmes, quietschendes Geräusch von sich, als es über den steinernen Boden gezogen wurde. Auf der inneren Seite der Tür hing eine kleine Öllampe, die flackerndes Licht von sich gab. Reila nahm sie von dem Harken, auf dem sie hing, und trat durch die Tür auf die Treppen vor ihnen herab.

T.O.T. am 17.6.07 16:49


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Wasser leitet keine Musik, es erstickt eine jede Melodie im Keim. Nicht ein Ton kann getragen werden vom Wasser, das stetig und unaufhaltsam seines Weges fließt.
Stimmen werden nicht vom von jenem flüchtigen Freund getragen, denn keine Stimmbänder wären in der Lage, das Meer zu überreden, Leid und Lachen anzuerkennen.
Auch Schreie bleiben stumm, Tränen verschwinden im Salz der Ozeane, als wären sie endlich daheim. Der Körper ist fast schwerelos, es ist ein ewiges sinken und treiben, bis der Tod nach dir greift. Seine kalten Finger erfassen dich, sein grausiges Lächeln verspottet dich höhnisch. Er lässt dich noch etwas zappeln, strampeln und um Luft beten, bevor er dich mit aller Gewalt zu sich reißt.
Tinte vermischt sich mit dem fließenden Nass, sie bilden eine Einheit und auch bald ist in dieser innigen Umarmung das sanfte blau der Farbe nicht mehr zu erkennen. Papier verflüchtigt sich und ist nicht mehr greifbar, es wird zu Schlick und vereinigt sich mit dem Grund des Meeresbodens.
Selbst Gedanken können vom Wasser fortgespült werden. Die warme und zärtliche Berührung der Brandung verleitet das träge Gemüt, sich einfach hinzugeben. Sie lockt mit dem Versprechen, dass die See die Rettung sein kann. Eine schützende Brust, an die man sich klammern kann.
Und die Gedanken verfliegen, bis der benannte Tod nach dir greift.
Wie also überliefert man eine Geschichte, deren Fortbestehen dem Wasser geopfert wurde, deren dramatischster Akt vom Wasser gespielt wird?
Wenn das einzige, was du im Leben noch besitzt, deine fließenden Gedanken, die fort gespülte Tinte, das flüchtige Papier und die trauernde Stimme sind?
Ich meine zu erahnen, dass du dazu tendierst, die Behauptung aufzustellen, dass eine solche Geschichte des Erzählens nicht wert sei. Dass es Schicksal ist, dass die Mittel, etwas zu erzählen, wie wir kennen, vom Hauptdarsteller vernichtet wurden.
Doch trüge dich nicht!
Was weißt du schon vom Schicksal?
Hast du je ein Wort mit Tyche oder den Moiren gewechselt? Kannst du dir ihr bitteres Sein und ihre Unvernunft überhaupt vorstellen?
Oh ja, Götter sind unfehlbar.
Ich spüre, dass du das denkst!
Doch trüge dich auch hier nicht.
Denn wie das Wasser alles verschlingt und sich zu eigenen macht, so mache ich es mit der Geschichte. Denn Geschichten und Überlieferungen können das Leben füllen, glaube mir.
Und so, höre meine Geschichte. Höre sie, erfasse sie und glaube sie.
Denn wie die Götter ihre Fehler machen, so gibt es immer jene, die diese erfahren.

T.O.T. am 17.6.07 16:46


Neues von Hochmut?

Teil I
„Wahnsinn“, geschrieben in Blut

 

 

Einst ward ein Dämonenkind, ein teuflisch-schuppiges Weib meine Angst
Wann immer ich die Augen schloss, war ihre Stimme nah
Sie fraß des Nachts meine Kinder
Und zog ab meiner Frau die Haut

 

Ich weinte ach so bitterlich,

bis ich ihn sah kommen

 

Von voller Pracht ward er meine Rettung

Sein Haar dem Feuer gleich

In seinen Augen strahle das Leben

Und er kam zu Retten meine Seele

 

Er sprach zu jener Dämonin

Beruhigte ihren Hass

Er schenkte ihr der Frauen größten Wunsch:

Kinder, Kinder im Überfluss

 

 

Rituelles Lied der Kayare in Karanes; zu Geburt eines jeden Knaben, einer jeder Maid; Übersetzung des Lyras Baumhoch

 

Kapitel 1

~ Maltron, Karanes ~

Hochmut  

Das Meer aus Wolken breitete sich unendlich über den Horizont aus. Die Schneewehen ließen kaum einen Blick auf die Landschaft, die Berge waren nur Schemen, welche die Erinnerung in die Wolken zeichnete.
An einigen wenigen klaren Tagen konnte man bis zu den Gipfeln blicken. Der Schnee, der stetig und still herab fiel, bedeckte die Spitzen der Berge und es schien, als habe sie jemand in Sahne getaucht. Nebel verhüllte ihre Gestalt und hinter ihnen versank die Welt in einem verschwommen grau.

Die Landschaft war so weiß und ebenmäßig rein, als habe die Natur sich einen Spaß erlaubt, und in diesem Tal das Grün der Blätter und Gräser, das Braun der Hügel und der Rinden gebleicht. Der Frost hielt das Tal in seiner festen Umklammerung, trennte das Schloss Clyme von der Außenwelt ab.

Inmitten jenes Tales ragte eine imposante Burg hervor, thronte über den Wipfeln der höchsten Bäume. Der weiche Farbton des wettergegerbten Gesteins war einer gläsernen, milchigen Schicht aus Schnee und Eis gewichen, sodass es den Anschein hatte, als sei’ die Burg selber vom Winter erbaut worden. Einzig die dunklen Fenster, die jedes Licht einzusaugen schienen, und das riesige, eichenholzfarbene Eingangstor an der Südseite des Bauwerks, hoben sich von dem Weiß der Landschaft ab.

Der Wind heulte um die Kanten der Festung, fegte über den Innenhof und machte sich einen Spaß daraus, die armen Geschöpfe, die sich nach draußen wagten, einen kalten Schock unter die Mäntel zu jagen. Er drückte sich mit aller Kraft gegen die Türen, versuchte, die Fenster zu zerstören und riss an den Bäumen, die im Hof seit einigen Jahrzehnten diesem Wetter jedes Jahr ausgesetzt waren.

Doch im Inneren der Burg Clyme war es warm. Die Bastion und alle, die in ihr wohnten, wussten um die herrischen Winter und man hatte sich darauf eingestellt.

Die Kamine brannten jeden Tag lichterloh und es gab extra Bedienstete, welche die Aufgabe hatten, dafür zu sorgen, dass jeder, der in Clyme seinen Studien nachging, warme Bettpfannen vorfand.

In guten Jahren ging die Verschwendung der Wärme gar soweit, dass Zimmer, die nicht genutzt wurden, ebenfalls beheizt wurden. Nur für den Fall, dass ihr Nutzen wieder entdeckt werden könnte.

Schloss Clyme war die einzige Akademie für Magister, Priester und angehende Politiker. Familien, die die enormen Summen für das Studium aufbringen konnten, schickten ihre Kinder hierher, um ihnen die Chance auf ein einflussreiches Leben zu geben.
Die meisten Novizen stammten fast ausschließlich aus gut diesen betuchten Familien und den Überfluss des Schlosses als selbstverständlich an.

Doch nicht jeder Novize stammte aus einem dieser adeligen Clans. Es gab einige wenige, deren Zukunft durch den Gott des Landes selber gesegnet worden war.

Jedem Bewohner des Landes Karanes war es möglich, um eine Audienz bei einem höfischen Ausleser zu erbitten. Die Kinder wurden von diesem speziell ausgebildeten Magistern begutachtet, und wenn sie einen wachen Verstand, ausgeprägten Fleiß aufwiesen, wurden sie dem Gott Katares vorgestellt. Dieser segnete die Kinder.

Und mit der Berührung eines Gottes auf der Haut der mittellosen Kinder war ihnen ein Platz an der Akademie Clyme sicher.

 

Der Speisesaal war wie jeden Nachmittag überfüllt und voller Novizen, die sich mit dem Mittag beeilten, um noch etwas Zeit für private Angelegenheiten zu haben. Einige wenige Magister stolzierten durch die Tischreihen, auf der Suche nach einem ihrer Schüler. Und trotz ihres meist hohen Altern strahlten sie eine enorme Kraft und Klarheit aus, die mit dem Empfangen der Gabe einherging. Der Duft von verschiedenen Speisen lag in der Luft und es war stickig, wie in einer unterirdischen Höhle.

Heute war der Trubel in dem viel zu kleinen Saal noch gewaltiger und der Krach der durcheinander rufenden Novizen bis in den Bücherkeller zu hören.

Es war der Tag der Mondruhe, der Tag der dunklen Nacht und traditionell wurden an einem solchen Zeitraum die Ergebnisse der letzten Prüfung durchgegeben.

Jene, die sich durch eine besondere Begabung ausgezeichnet hatten, wurde dann die Möglichkeit geboten, in besonders jungen Jahren ihren Abschluss zu machen und die Gabe der Schattensicht zu erhalten.

Seit Jahren hatte es einen solchen Fall nicht mehr gegeben. Doch vor wenigen Monaten hatte die Rektorin der Akademie, in einer Zukunftsvision eine Ahnung erhalten, die sie als Ankündigung eines solchen Genies gedeutet hatte.

Nun wollte jeder erfahren, wer dieses Genie war und selbst jene, die keine Prüfung abgelegt hatten, drängten sich in den Speisesaal – in dem sich auch die Tafel für Ausschreibungen befand – um von einem besonderen Ergebnis zu hören.

Während die meisten Novizen sich auf den Bänken in der Nähe der Tafel und der Tür zum Administratorenzimmer tummelten und ihr Essen kaum eines Blickes würdigten, stand eine einzelne Person von der Menge abgewandt unter den Treppen an der Ostseite der Halle.

Unterdessen die Schüler diskutierten, ob sich jemand im Unterricht besonders hervorgehoben hatte, lehnte sich die Gestalt an einen der Balken, der die Treppe über ihrem Kopf hielt, und blickte mit forschendem Blick auf die Szene vor sich.

Hochmut trug nichts weiter als eine schmale schwarze Robe über einem einfachen grauen Wams, schwarze Hosen und dunkele Stiefel. Die Kapuze der Robe ruhte auf ihren Schultern, verdeckt von ihrem seidigen schwarzen Haar.

Mit zwei Schritten maß sie den Gang unter der Treppe ab, trat weiter in den Saal hinein und blickte dich dann um. Das Licht wurde von den braunen Schuppen auf ihrer Haut reflektiert, in ihren schwarzen Augen glitzerte es und schien sich in einer schwarzen Unendlichkeit ewig zu brechen.

Noch immer sah sie keinen der Magister aus dem Gemach des Administrators kommen, niemand heftete das erwartete Papier an die Tafel. Schon seit den frühen Morgenstunden wartete Hochmut im Speisesaal, zurückgezogen von den anderen und mit dem Blick auf die Tafel gerichtet. Doch wie auch die Geduld der Novizen, die grummelnd den Saal verließen, ging sich Hochmuts Geduld allmählich zur Neige.

Ursprünglich war sie von ihrem Zimmer herab gekommen, um einen Blick auf de Tafel zu erhaschen und um so die Ergebnisse der Prüfung in Erfahrung zu bringen. Doch nun wartete sie, wie die meisten in diesem Saal, schon seit Beginn der Freizeit auf die Ergebnisse. Langsam wurde sie ungeduldig.

Mit einem tiefen Seufzer trat sie wieder in den Schatten der Treppe und ließ sich auf dem samtbezogenen Lesesessel, der dort neben einer antiquierten Lampe mit passendem Tisch darunter, befand. Auf dem Tisch ruhten die Zeugnisse ihrer langen Wartezeit:

Ein altes Buch mit mehreren Lesefalten, Eselsohren und gewundenen Seiten lag mit dem Einband nach oben da, eine leere Tasse mit den klebrigen Überresten eines honigfarbenen Getränkes und einige Krümel, die von einem Stück des süßen Apfelkuchen stammten, den sie in der Küche erschmeichelt hatte.

Nachdem sie ihre Robe zurechtgezupft und einen enttäuschten Blick in die leere Tasse geworfen hatte, griff Hochmut erneut nach dem Buch und begann darin zu stöbern.

Es war eines der am meisten gelesenen Bücher der Clym’schen Bibliothek, eine frühe Arbeit des ersten Dieners des Gottes Katares, Ryone Baumhoch. Es trug den Titel „Die Geschichte einer wachsenden Hoffnung“.
In ihm wurden die ersten Tage des Gottes auf Erden in seinem Palast in Kantar berichtet, darüber, wie er seinen ergebenen Dienern ein unnatürlich langes Leben verlieh’ und von der Entwicklung des Landes Karanes.

Auch wurde von dem starken Band des Gottes mit seiner Schwester Ravani bereichtet, die das Nachbarland Ravene regiert. Über ihren Streit und die Eifersucht, die Katares ergriff, als er von der innigen Beziehung von Ravani und Anerius, dem höchsten aller irdischen Götter und dem Halbbruder der seinigen, hörte.

Das letzte Kapitel, das fast ein Drittel des gesamten Bandes umfasste, berichtet dann von Ryones Schmerz, als sein Herr ihm eröffnete, er würde das Land nicht mehr selber regieren. Er würde fort gehen, sein einsames Leben in Irthil, dem Nebelreich der Götter, verbringen.

Die letzten vier Seiten schrieb Ryone mit seinen letzten Atemzügen. Er sprach davon, dass er nicht zu glauben fähig sei, die Liebe zu einem Gott könne durch eine Gemahlin übertroffen werden – was ihn nicht davon abhielt, sieben Kinder zu zeugen, womit der die Sippe der Athan begründete –, und seine letzten Worte, auf der letzten, ansonsten leeren Seite, prägen die Stadttore von Katar noch heute:

Denn Glückseligkeit erweckt nur die Liebe des Vaters.

Wie auch Hochmut, war Ryone ein Kayare gewesen. Die leiblichen Kinder des Gottes mit einer dämonischen Echse.

Geprägt von demselben Äußeren der Dämonin – schuppig, groß, kräftig, schwarzes Haar – und der Begabung des Gottes waren sie die erste Götterrasse seit Beginn der Geschichtsschreibung. Kayare galten als gebildet, rassig und anmutig. Viele Anhänger dieser Gattung besuchten Clyme, hatten dies schon hinter sich und arbeiteten nun als Magister und Beamte im ganzen Land.

Und auch der gesamte Hofstaat von Karanes bestand aus Kayaren.
Hochmut hatte das Buch viele Male gelesen. Es war eine wichtige, historische Chronik ihres Landes und man erwartete, dass sie die wichtigsten Stellen fehlerfrei rezitieren konnte:

Aussagen des Gottes über die verschiedenen Bereiche des Lebens: Religion, Bildung, Gesundheit, Erziehung. Auch waren seine Weisheiten und seine persönlichen Ansichten von essentieller Bedeutung für die Kultur des Landes gewesen – und waren es heute noch, weswegen fast jeder Novize, der aus einer betuchten Familie stammte, dieses Werk an erster Stelle in seinem persönlichen Bücherregal aufbewahrte.

Gerade versank Hochmut in der detaillierten Beschreibung Ryones, wie Katares seinen Palast „Maitdyr“ aus dem Gestein des roten Berges Rina haute, als sie bemerkte, dass die allgemeine Lautstärke angeschwollen war.

Die Schüler begannen wild durcheinander zu reden, Stühle wurden angeschoben, Roben gerafft und Teller sowie Besteck zusammengeworfen.

Interessiert und mit einer zaghaften Hoffnung auf Erlösung legte Hochmut eiligst und ohne viel Umsicht, immerhin konnte sie sich jeder Zeit eine Kopie erstellen lassen, „Die Geschichte einer wachsenden Hoffnung“ beiseite, erhob sich und trat so weit vor, dass sie wieder den gesamten Saal in ihren Blick fassen konnte.

Die Tür des Administratorenquatiers stand offen. Administrator Quesans, ein großer und attraktiver Mann in den späteren Jahren mit einer charakteristischen Narbe auf der strahlenden Glatze, stand im Türrahmen, in eine angestrengte Unterhaltung mit der Magisterin Aeyvo vertieft. In der Hand hielt er eindeutig mehrere Zettel von äußerster Wichtigkeit. Selbst am anderen Ende der Halle konnte Hochmut die fein eingearbeiteten Goldfäden an ihrem sanften Glanz erkennen und ihr Herz begann, vor Nervosität höher zu schlagen.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sich der Administrator von der Magistern mit einer entschuldigenden Geste abwandte und trat dann mit schnellen Schritten auf die Tafel für die Ankündigungen zu.

In der Halle wurde es immer stiller und die nervöse Erregung der Novizen hing drückend in der Luft. Mit wenigen Handgriffen, die diese Tätigkeit schon hunderte Male erledigt hatten, heftete der Administrator die Kundgebungen an die Tafel, drahte sich um, ermahnte alle Novizen im Raum mit einem ernsten Blick zu angemessenem Verhalten, und trat dann in einer ausladenden Geste zurück zu Aeyvo.

Schon während sich die beiden auf dem Weg die Treppe hinauf befanden, unter der Hochmut mit klopfendem Herzen stand, bewegten sich die Novizen auf die Tafel zu. Zunächst gingen sie alle gesittet und ruhig, grinsten einander nervös zu. Doch kaum war der Administrator in den oberen Gang verschwunden, fiel jedwede Erziehung von den Schülern ab und sie drängen sich um die Ausschreibungen. Selbst das laute protestieren der Magister im Saal schien keine Wirkung zu haben und bald darauf zogen sich die Älteren kopfschüttelnd aus dem Speisesaal zurück.

Hochmut atmete tief ein und schloss dabei die Augen.

Sie griff nach ihrem Buch, ließ die Tasse gewissendlich stehen, und trat dann bemüht ruhig an der Treppe vorbei und etwas abseits von der sich drängenden Meute zu der Tür des Administratorenquartiers.

Sie blieb ein Stück vor der Tür stehen, beobachtete die anderen Novizen, die noch immer ein gutes Stück von ihr entfernt waren.

Ihre Hoffnung sank langsam, als sie sah, wie viele sich nach vorne drängelten und einen Blick auf die Ergebnisse erhaschen wollten. Wie kleine Kinder an einem Stand mit Süßigkeiten nahmen sie keine Rücksicht und stießen jeden Weg, der sich ihnen in den Weg stellte.

Zu Hochmuts Belustigung sah sie, dass sich nur Menschen voran drängten und dass die Kayare sich im Hintergrund hielten und wie sie auf einen geeigneten Moment warteten.

Sie zuckte die Schultern und ließ sich auf der Ecke der erstbesten Bank neben den Esstischen fallen, um ein wenig mehr in Ryones Chronik zu Blättern.

Doch kaum hatte sie drei weitere Seiten gelesen, riss sie eine Stimme aus der Welt des Gottes Katares.

„Hochmut! Wir gut, dass ich dich sehe.“

Die Stimme war Hochmut durchaus vertraut und lächelnd hob sie den Blick, um Magisterin Reila anzusehen.

Die hoch gewachsene Frau mit dem landestypischen braunen Locken war die Frau des Administrators, eine hohe Persönlichkeit, die dasselbe Ansehen wie der Leiter der Akademie genoss.

„Hallo, Magisterin Reila.“, begrüßte Hochmut die ältere Dame und diese erwiderte ihr Lächeln.

„Ich habe etwas mit dir zu Besprechen, Hochmut. Würdest du bitte für einige Minuten mit in das Quartier meines Mannes kommen?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, trat Reila auf die Tür neben der Tafel zu, die Menge von Novizen missachtend.

Hochmut runzelte die Stirn. Reila war für die Angelegenheiten des Außendienstes verantwortlich, sie war der verlängerte Arm der Akademie und diejenige, die regelmäßig nach Katar fuhr, um der Regierung einen Bericht über die Entwicklungen in Clyme zu überbringen.

Selten kümmerte sich die Magisterin um die Pflichten innerhalb der Akademie.

Doch Hochmut beeilte sich dennoch, ihr Blick wie schon zuvor achtlos zusammen zu schlagen, um Reila in das Quatier des Administrators zu folgen.

Als sie eintrat, saß die Magisterin schon in dem grünen, samtenen Stuhl ihres Mannes, kramte suchend in der obersten Schublade des Tisches herum.

„Sei’ so gut und schließ die Tür.“, sagte sie, doch ihre Stimme war kälter und formeller, als Hochmut es von ihr gewohnt war, und so haderte sie einen Moment, schaute noch einmal in den Saal und schloss die Tür dann bemüht leise.

„Und nun setz’ dich.“ Reila deutete, ohne den Blick von der Schublade zu nehmen, auf den grobschlächtigen Stuhl, der ihr gegenüber stand. Hochmut nahm Platz, drückte das Buch in ihren Schoss und faltete die Hände anmutig darüber. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus, doch sie versuchte, ihrem Gesicht einen neutralen Ausdruck zu verschaffen.

Mit einem erleichterten Geräusch blickte Reila nun auf, zog ein Notizbuch aus der Schublade hervor und schlug es präzise an der richtigen Stelle auf.

Dann erhob sie den Blick und blickte Hochmut mit ihren grünen Augen durchdringend, aber nicht mehr so unfreundlich, an.

„Ich habe etwas wichtiges mit dir zu besprechen“, begann sie und ihr Blick huschte einmal kurz zu ihrem Notizheft. Hochmut folgte ihrem Blick und versuchte, etwas von der zarten Tintenschrift zu erkennen, doch die Magisterin blickte sie zuvor wieder direkt an.

„Es geht um Moira, deine Zimmergenossin…“

Hochmut fiel ein Stein vom Herzen. Ihre Hände, die sich während des anfänglichen Gespräches um das Buch gekrallt hatten, entspannten sich und sie spürte, wie auch die Schultern, die sie hochgezogen hatte, sich lockerten.

 

stolz am 14.3.07 21:56


Noch mehrLob o_O

Waldfee (prof. Betaleserin #2)

ich habe mit großem Vergnügen diesen Teil gelesen - du zeichnest mit Worten ein schönes Bild von den beiden und auch das drumherum kommt nicht zu kurz - seufz - Eltern und die Wünsche, wen ihre Töchter einmal heiraten sollen...mir hats gefallen und zu kurz fand ich es auch nicht

motiviert am 14.12.06 19:59


Athanasia - Layatha 1, Maltron, Malterian

Trotz des nahenden Winters, schien sich die Sonne in diesem Jahr nicht verscheuchen zu lassen. Selbst so weit in den Herbst hinein, zu einer Zeit, in der normalerweise die ersten warmen Felle aus den Speichern geholt wurden, war das Gras auf den Hügeln und Bergen rund um das Dorf Malterian noch leicht ergraut, ausgetrocknet. Zwischen den hohen Grashalmen hockten die Grillen und surrten den abendlichen Besuchern ein zartes Ständchen. Kaum ein Vogel war in den Süden gezogen und sie alle sangen ihr abendliches Duett. Die Apfelbäume säumten sich noch mit teilweise gar grünen Blättern, die Äpfel selber waren prall, saftig und überaus süß.

Layatha stapfte durch das hohe Gras, raffte ihr langes Sommerkleid bis knapp über die Knie, um die Grillen davon fern zu halten. Sie knirschte mit den Zähnen, suchte sich möglichst grasfreie Flecke aus, um ihre baren Füße abzusetzen. In ihrer Armbeuge hielt sie einen Korb, gefüllt mit dem Kuchen ihrer Mutter, die sie angewiesen hatte, ihrem Bruder und Vater davon zu bringen. Beide waren auf dem Hain der Familie unterwegs, zwischen den Apfelbäumen verbrachten sie ihren Tag.

Nach diesem langen, heißen Sommer waren es viele Äpfel, die sie zu ernten hatten, besonders fruchtig und süß. Manchmal kam Layatha hinauf in den Hain, um den köstlichen Kuchen ihrer Mutter gegen Äpfel zu tauschen, die schon vor Abschluss der Ernte zu einer Köstlichkeit werden würden.

Und auch heute war sie zu dieser Mission aufgebrochen.

Die Sonne ging gerade hinter dem höchsten Hügel herunter, die letzten Strahlen des Tages kitzelten Layathas Nacken. Sie hatte ihre langen, schwarzen Haare zusammengebunden und hochgesteckt. Dennoch rannten ihr die Schweißperlen über den Nacken, unter ihr Kleid. Der Aufstieg war beschwerlich gewesen und Layatha fühle sich erschöpft, doch das sanfte Sonnenlicht verhinderte, dass ihre Laune sich gänzlich verschlechtere.

Dann sah das junge Mädchen auf, ließ ab von dem hohen Gras und den Grillen. Sie ließ ihr Kleid los, atmete tief ein und aus. Der frische Duft von Gras und ein leichter Akzent von Apfel darin hielten sie für einen Moment gefangen, doch sie riss sich davon los, nicht ohne Mühe, und ging weiter. Mit bewusst gesetzten Schritten wanderte sie in die Richtung, von der sie annahm, dass sie richtig war.

Doch kurze Zeit später hielt sie erneut an. Diesmal rang sie noch stärker nach Luft, strich ein wenig von dem Gras zur Seite, sodass die Grillen das Weite suchten. Eine von ihnen machte einen gewaltigen Satz von einem hohen Grashalm, der Lay bis zu Hüfte reichte, hinüber zu ihrer Schulter. Mit einem überraschten Aufschrei riss sie die Hände hoch, der Korb wackelte in eine fast schräge Position und wackelte gefährlich. Das Tüchlein, mit dem sie den darin befindlichen Kuchen vor der Hitze versteckte, fiel herab. Die Grille sprang überrascht von ihrer Schulter auf einen weiter entfernten Grashalm und begann dort, wütend zu zirpen. Grummelnd und über sich selber verärgert beugte sich Layatha herunter, um das herabgefallene Tuch aufzuheben.

Dabei fielen ihr immer die vordersten Strähnen ihrer langen Haare in die Augen und sie strich sie jedes Mal ungeduldiger wieder hinter die Ohren. Nachdem sie wieder und wieder die Haare zurückgestrichen hatte, ließ sie sich müde und frustriert in das Gras fallen. Ihr Kleid bauschte sich um ihre Knie auf. Sie raffte es hinauf zu ihren Schenkeln, um den leichten Windzug hier oben auf dem Hain besser genießen zu können.

Es war wirklich unerträglich warm. Die Ältesten in ihrem Heimatdorf Malterian erzählten sich, dass dies der längste und heißeste Sommer seit Gedenken sei. Tatsächlich waren schon Schreiber und Gottesdiener aus dem ganzen Land umhergereist, um die Leute, die ihres Lebens bei der Hitze nicht mehr froh wurden, Mut zuzusprechen oder behilflich zu sein. Die Schreiber hatten Klagen und Wünsche aufgenommen, um sie der Göttin des Landes vorzutragen, und die Gottesdiener waren jene, die diese Wünsche erfüllten.

Layathas Familie kam dieser Sommer jedoch zur Gute, denn ihre Äpfel sprossen unvergleichlich und waren süßer, als Lay es sich hätte ausmalen können.

Sie saß noch einige Weile, umringt von Grillenzirpen in dem hohen Gras, genoss die Sonne auf ihrer Haut und die kühlen Briesen an ihren Beinen. Ihr Blick strich über die Landschaft. Unter ihr Malterian, wo die Menschen, sehr klein, aber dennoch konnte Lay einige von ihnen an ihrem Äußeren erkennen, geschäftig umherliefen. Sie sah Servy Allain, die Tochter des Schmiedes, wie sie mit ihren jüngeren Geschwistern ausgelassen über die Handelsstraße tanzte und sie fröhlich ein Lied sangen. Layatha hörte zwar keinen Ton von dort unten, doch sang sie leise mit. An den tanzenden Bewegungen der Kinder und an der Art, wie sie sich gegenseitig immer wieder auf die Schulter klopfen, wusste sie, dass dort unten gerade das Lied zur Ehre der Ernte gesungen wurde. Ein sehr berühmtes und beliebtes Lied in Naieras, ein Lobgesang zur Göttin Naire und zur Göttin Loras.

Dann wandte sie ihren Blick von dem Dorf unter ihr ab und schaute empor, die Augen durch ihre linke Hand von der Sonne abgeschirmt.

In einiger Entfernung erkannte sie eine bekannte Silhouette, die ihres Bruders, der auf einer Leiter stehend mit den Händen in der Baumkrone vergraben war. Layatha erhob die Hand und winkte ihm zu, rief ihm zu, doch er schien sie nicht zu bemerken.

„Danthe! Danthe, hier drüben!“ Sie winkte weiter, er zu ihr hinüber blickte. Er schien sie zu erkennen, stieg die Leiter hinunter und erwiderte ihren Gruß.

Lay raffte erneut ihren Rock, klemmte den Korb in ihre Armbeuge und machte sich nun ausgeruhter auf den Weg den Hang hinauf.

Wenige Augenblicke später stand sie auf einer kleinen Ebene, die wie ein gerader Vorsprung aus der abfallenden Graswiese ragte. Ein besonders stattlicher Baum wuchs auf der abfallenden Seite des Vorsprungs hervor und dominierte den Boden des Hangs. Layatha keuchte und ließ ihren Rock wieder schwingen, da hier das Gras nicht so hoch wuchs.

Danthe stand vor ihr, sein Blick harrte auf dem Korb, den Layatha bei sich trug. Er schien es nicht für nötig zu erachten, seine Schwester zu grüßen, sondern fixierte wie ein hungriger Wolf einzig und allein den Korb mit der Leckerei. Bilron, der alte Apfelbauer, lehnte sich müde an die aufsteigende Schräge des Hanges. Seine dunklen Augen blickten direkt in die seiner Tochter. Sein Atem ging flach und Lay glaubte, ein leises Rasseln in seinen Zügen zu hören. Der Schweiß perlte an seiner bräunlichen Haut herunter und das braune Haar, so sehr von der Sonne ausgebleicht, hing strohig in sein Gesicht.

„Guten Abend, meine Kleine.“, sagte er, lächelte sie gütig an und winkte sie mit trägen Bewegungen an seine Seite. Er wirkte erschöpft, das bemerkte sie sofort. „Guten Abend, Papa.“, sagte sie, ebenfalls lächelnd. Danthe hatte seinen Blick nicht von dem Korb gewandt, also drückte Lay ihn in seine offenen Arme und eilte zu ihrem Vater. Sie ließ sich neben ihm auf dem Gras nieder, legte den Kopf auf seine Brust. „Hallo, Papa.“ Bilron streichelte durch ihr schwarzes Haar und Lay schloss die Augen.

In den letzten Tagen waren Danthe und Bilron fast ausschließlich im Hang gewesen und Lay merkte, dass die harte Arbeit in der Sonne ihrem Vater nicht zu besserer Gesundheit verhalf. Mit dem Ohr an seiner Brust hörte sie das Rasseln nun deutlicher, auch wenn Bilron anscheinend viel tat, um es zu verbergen. Er hustete einmal gekünstelt, setzte sich dabei auf und schob Lay dann sanft zur Seite. „Danthe, bring’ es herüber und nimm nicht alles für dich“, herrschte er seinen Sohn an, der sich schon fast an dem gesamten Kuchen gütig getan hatte.

Der Knabe trat vor, setzte sich in den Schatten des Baumes auf den Boden und legte den Korb auf das Gras vor sich.

„Mama bat mich, wieder einen kleinen Tauschhandel zu versuchen.“, sagte Lay, während sie ihre Haare aus dem Zopf löste.

Danthe nahm das Spitzendeckchen von dem Korb und legte es fast sorgsam zur Seite. Dann nahm er einen Teller aus dem Korb, reichte ihn Bilron, der ihn dankend annahm. Dabei zitterte seine Hand beunruhigend.

Layatha warf Danthe kurz einen wissenden Blick zu, den ihr Bruder erwiderte. Er hatte es auch gemerkt, wahrscheinlich war ihm die stetige Veränderung der Gesundheit ihres Vaters schon lange aufgefallen. Die harte Arbeit auf dem Hang, besonders in einem so ertragsreichen Jahr, konnte jeden guten Mann ausmergeln. Bilron jedoch war nicht nur diesen Sommer in dem Hain unterwegs gewesen, sondern jedes Jahr aufs Neue.
Selbst Danthe schien etwas erschöpft. Lay fiel auf, dass er nicht so gerade saß wie sonst, er sich stattdessen träge und mit hängenden Schultern an den Baumstamm gelehnt.

Der junge Mann verteilte an Layatha und sich die zwei übrigen Teller, legte dann jedem ein ungenau geschnittenes Stück Apfelkuchen darauf. „Ich hoffe, es schmeckt euch.“, sagte Danthe und nickte Bilron wie auch seiner Schwester zu.
Layatha fuhr mit den Fingern lose durch die Strähnen ihrer Haare, ordnete sie neu und band sie dann zu einem Pferdeschwanz, der ihr bis zwischen die Schulterblätter reichte, zusammen. Sie befestige die Spange, sie ihre Haar stets schmückte, direkt darüber und seufzte dann zufrieden. Erst dann widmete sie sich ihrem Stück Kuchen, doch als sie es betrachtete, verging ihr aus einem unerfindlichen Grund der Appetit. Danthe aß gemächlich, so, als hätte er sich schon zuvor satt gegessen. Bilron kaute ebenfalls langsam, doch Lay vermutete, dass er das Zittern seines Armes verbergen wollte, der selbst der kleinen Anstrengung, den Kuchen zu halten, zu trotzen schien.

Sie seufzte, ließ sich nach hinten in das Gras fallen und blickte verträumt in den Himmel, der sich allmählich von einem sanften Orange in ein Rostrot färbte. Die Sonne, die heilige Mutter Lorlay, würde nur mehr zu bald eine schwache Erinnerung sein, die sich hinter dem Hain verstecken würde..

„Unsere Göttin Naire gelobe deine Mutter.“, unterbrach Bilron die abendliche Stille des Essens. Er ließ ein zufriedenes Seufzen hören, dann rauschte etwas Gras sanft in einer Windboe.

Lay schloss die Augen, lauschte auf das Geräusch. „Hast du gar nichts gegessen, Layatha?“, fragte ihr Vater im vorwurfsvollen Ton. Lay stützte sich auf ihre Ellenbogen, schüttelte den Kopf. „Ich habe schon auf dem Weg den Hang hinauf etwas davon gegessen“, log sie und blickte dann Danthe an.

Der junge Apfelwirt saß da, blickte seinen Kuchen verträumt und ohne Hunger an, hatte kaum etwas davon gegessen. Nun bemerkte auch Bilron dies.

„Danthe, du auch nicht!“

Lays Bruder sah auf, schüttelte nur stumm den Kopf. Bilron seufzte, beließ es aber dabei.

Layatha spürte die Anspannung, die sich auf dem Vorsprung breit machte. Es war ihr zuwider, sich ihren wundervollen Tag durch eine abendliche Diskussion mit ihrem Vater verderben zu lassen.

So setzte sie sich auf, bat Danthe um den Henkelkorb und holte daraus zwei Trinkschläuche mit Wasser.

„Teilt es euch ein. Ich komme morgen vielleicht nicht zu euch hinauf.“, sagte sie tonlos und wollte gerade aufstehen, als Bilron das Wort ergriff.

„Wir kommen morgen vielleicht schon wieder zu euch runter.“

Danthe und Lay blickten beide gleichermaßen verblüfft zu ihrem Vater.

Die Ernte dürfte erst in einer Woche abgeschlossen sein. In dieser Zeit lebten die beiden Bauern fast ausschließlich auf dem Hang, bekamen Essen und Trinken von Layatha oder ihrer Mutter Aeryn gebracht. Es war gar nichts Bilrons Art, seine Arbeit vorzeitig abzubrechen.

Danthe räusperte sich, sah dann Layatha an. „Ja. Wir brauchen neue Kleidung und auch neue Werkzeuge.“

Lay hob eine Augenbraue, doch sie schwieg. Vielleicht war dies die Art ihres Vaters, sich einzugestehen, dass die Arbeit auf dem Hang anstrengend war und er nicht mehr wirklich dazu fähig war, tagelang durchzuarbeiten.

Sie nickte nun knapp und stand auf, klopfte das Gras und den Dreck von ihrem Kleid und raffte es an der linken Seite. Während Danthe seinem Vater aufhalf, ging Lay auf einen Korb mit Äpfeln, der an dem Baum des Vorsprungs lehnte, zu und holte von dort einige Früchte hervor, mit denen sie den Korb in ihrer Armbeuge füllte.

Dann drehte sie sich um, trat noch einmal zu Bilron und ihrem Bruder, küsste beide behutsam und sanft auf die Stirn und verabschiedete sich mit der ehrerbietenden Floskel ihres Gottesreiches.

„Möge Naire auf euch aufpassen.“, sprach sie und knickte kurz nieder. Danthe erwiderte den Abschiedsgruß, wie er es von seinem Vater gelernt hatte:„Und alle anderen Götter auf dich, Layatha.“

Das Mädchen drehte sich schwungvoll um und ging den Hain hinunter. Steil wie dieser war, musste sie sich gelegentlich an dem hohen Graß festhalten, so gut es mit dem Korb in der Armbeuge und dem Kleid in der Hand ging.

Schon bald war die Sonne nur noch eine lichte Erinnerung am Horizont, die ihre letzten Strahlen über den Hain schichkte, als Lay eine Pause von dem ermüdlichen Abstieg machte. Der Vorsprung und der Baum, unter dem sie vor kurzem gegessen hatte, war nur noch ein kleiner Punkt aus Braun und Grün über ihr.

Unter ihr lag ihr Heimatdorf, Malterian, das am Tage hell strahlte und in der Nacht durch den hellen Marmor ein sicherer Hafen für Reisende war. Ihr ganzes Leben hatte sie in jenem Dorf verbracht, behütet von den Apfelbergen, die ihr zu ihrem Nachnamen verholfen hatten. Mit einem vor Anstrengung klopfenden Herzen blickte sie in lebendiger Erinnerung auf dieses Dorf hinab. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, denn sie freute sich auf das ruhige Abendessen mit ihrer Mutter. Vielleicht würde sie Aeryn von dem Zustand ihres Mannes schon heute unterrichten, sodass sie sich morgen nicht allzu sehr aufregen musste.

Bei dem Gedanken an das Rasseln im Atem ihres Vaters, erstarb Layathas Lächeln. Sie nahm den Korb von ihrem rechten Arm auf den linken und raffte das Kleid erneut, um weiter hinab zusteigen.

Sie tänzelte den nächsten Schwachen Hügel an diesem Hang hinunter, auf einen schräg gewachsenen Apfelbaum zu. Sie wollte sich daran abstützen, ihre Geschwindigkeit bremsen und dann das letzte kleine Stück gemächlich hinabspazieren.

Doch ihre Hand berührte gerade die Rinde des Obstbaumes, als ein vertrauter Geruch in ihre Nase stieg.

Feuchte Erde.

Layatha lächelte überglücklich, ließ ihren Körper mit dem Schwung des Abstiegs um den Stamm kreisen und sah in seine grauen Augen.

„Hallo, meine Apfelgöttin.“, schnurrte seine raue Stimme.

Jorian lächelte sie an, ließ ihr keine Zeit zum Antworten und umfasste ihre Hüfte. Er drückte seine Lippen auf ihre, zwang sie auseinander und küsste sie leidenschaftlich.

Lay erwiderte den Kuss, vergaß jeden Gedanken an ihre Mutter im Dorf, an ihren Vater im Hain. Ihr Kleid war egal, sie ließ den Korb mit den Äpfeln fallen, die langsam über den Boden hinabrollten.

Er roch nach feuchter Erde und ein wenig nach Bier, was sie erregte und als seine Hand an ihrem Rücken entlang strich, verlor sie den Verstand.

Sie schlang die Arme um seinen Hals, ließ sich von ihm gegen den Stamm des Baumes drücken. Jorians Hände wanderten unter ihren Rock, suchten nach der Wärme ihres Schoßes. Seine Hände waren feucht und sie spürte, wie die Erde von seinen Händen an ihren Schenkeln kleben blieb. Als er fand, was er suchte, keuchte Layatha auf, warf den Kopf zurück. „Jorian ...“

Sie schloss genießend die Augen.

Er lächelte, liebkoste ihren Hals und schob mit den Zähnen den Träger ihres Kleides beiseite. Ihre Hände streichelten seinen Rücken, wanderten unter sein Hemd. Sie spürte, wie er sie aufnahm, auf den Boden, in das trockene Gras legte und spürte seine Erregung in jeder seiner Bewegungen. Das Gras war noch etwas warm von der prallen Mittagssonne, doch nichts im Vergleich zu dem Feuer in seinen Händen.

Die letzten Sonnestrahlen, die den Himmel in ein verblassendes, sanftes Rosa tauchten, brachten ein warmes Gefühl mit, das doch von ihrer lodernden Liebe zu Jorian fast erstickt wurde. Alles erschien ihr völlig perfekt, im Einklang mit allem, was sie sich je erträumt hatte.

Sie entspannte sich und genoss es, von ihm in der Dämmerung inmitten des Heugeruchs geliebt zu werden. Die Sonne zog ihre letzten Sonnestrahlen wie unartige Kinder zu sich, verschwand völlig und gewährte den Sternen, Augen der Götterväter, Platz. Über ihnen allen strahlte der Vater aller Väter, Thordun, der Mond des Diesseits, mit seinem sanften, aber kalten Licht auf das Paar, das am Fuße des Hangs in einander versunken dalag.

Der Mond, stand schon fast senkrecht über dem Apfelhain, als Layatha langsam und behände hinab ging, um die Äpfel einzusammeln, die den steilen Hang herunter gerollt waren. Der Bastkorb verweilte wieder in ihrer Armbeuge, der Träger ihres Kleides wieder auf ihrer Schulter. Der Korb war an der linken Seite schmutzig und etwas beschädigt, von jenem Moment, als sie ihn hatte fallen lassen. Einige der Früchte waren fast den gesamten Hügel hinabgerollt, auf dem Jorian sie überrascht hatte.

Das schwache Licht des hohen Mondes half ihr bei der Suche, doch ihre Arme fühlten sich schwer an, als ob sie jeden Grashalm einzeln zur Seite schieben musste.

Im Nacken spürte sie Jorians Blick, der ihren nackten Rücken - sie hatte noch keine Zeit gefunden, die Knöpfe zu schließen - musterte und noch immer vor dem Baum ruhe.

Nach einigen Augenblicken der verzweifelten und erfolglosen Suche stellte sich Lay auf, stemmte die Hände in die Hüften und musterte ihren Geliebten mit einer mit ärgerlich gekräuselter Nase. „Du könntest mir wohl helfen.“

Jorian lächelte, stand auf und kam zu ihr herunter. Auch ohne die abfallende Ebene des Hains, auf der Layatha unter ihm stand, hätte er sie um einen ganzen Kopf überragt, doch nun musste sie den Kopf fast ganz in den Nacken legen, um in seine Augen zu blicken. Seine grauen Augen, die ohne Zweifel von seiner Herkunft berichteten, starrten mit einem Anflug von Vergnügen in ihre. „Sehr wohl, holde Dame.“, sagte in einem gekonnt und gleichzeitig gekünstelten höflichen Tonfall, neigte sich herunter und hob, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, die drei verbliebenen Äpfel auf. Mit einer schnellen Bewegung legte er sie in Layathas Korb.

Diese musste lachen. „Verflucht seien deine Augen.“

Jorian lächelte neckisch, zog sie zu sich und küsste sie. Noch immer voller Leidenschaftaft und dem stillen Wunsch, dass sie sich erbarmen würde, sich noch einmal zu ihm in das ausgeblichene Gras zu legen. Lay spürte, wie seine Hände an ihrem Körper heruntertasteten, kicherte mädchenhaft und schob ihn doch bestimmt von sich fort.

„Ich muss nach Hause. Mutter wartet.“ Zunächst huschte ein Ausdruck des Bedauerns über das Gesicht des Handwerkers, doch er schluckte seinen Ärger herunter.

Jorian nickte, dann wandte er sich ab, trat um sie herum und begann, die Knöpfe ihres Kleides zu verschließen. Layatha nahm ihre Haare zusammen, erhob sie, damit sie nicht im Weg waren. „Danke“, murmelte sie und er küsste sanft ihren Nacken, knapp unter dem Haaransatz.

Nun stand er am unteren Ende des Hanges, doch war er noch so groß, dass Lay seinen warmen Atem im Nacken spüren konnte. Ein wohliger Schauer fuhr über ihre Haut und sie atmete seinen erdigen Geruch ein.

Seine Hände waren geschickt, ob es nun beim öffnen oder schließen eines Kleides.

Genard Merlis Erlary, Jorians Vater, genoss im Dorf kein großes Ansehen. Ohne Frau und als Flüchtling zu ihnen gekommen, hatte er die einzige Fähigkeit die der Bürgerkrieg ihm gebracht hatte genutzt und war Bestatter geworden.

Er salbte, pflegte die Toten und ließ sie dann mit seinem persönlichen Karren in die Hauptstadt bringen, wo die Toten dann von der Landesgöttin Naire persönlich gesegnet und in die Totenwelt Indorn gebracht wurden.

Während der Zeit, in der Genard auf Reisen war, war es an Jorian, die Toten zu lagern, bis sein Vater zurückkam.

In der Zeit, in der sein Vater im Dorf war, stellte Jorian kleine Kunstgegenstände her – Ringe, Ketten, Skulpturen. Daher seine sanften, feinfühligen und geschickten Hände, die präzise jeden Griff vorgeplant ausführten. Er schnitze, er schmiedete, er formte. Er kleidete an, er salbte, er entkleidete.

Layatha liebte seine Hände, wie sie alles an ihm liebte. Ihre Bewegungen waren, egal was er tat, immer geschickt und schnell, was sie bewunderte und genoss.

Gerade schloss ihr Geliebter den obersten Knopf ihres Kleides, als eine sanfte Windböe Lay aus ihren Gedanken schrecken ließ. Trotz der sommerlichen Hitze am Tag, war es nachts sehr frisch und die Böen kalt.

So schlang Layatha die Arme um sich und ging zurück zum Baum. Ihre Haarspange lag noch immer an der Stelle, wo sie sich wenige Minuten zuvor lustvoll gerekelt hatte. Jorian hatte ihr Haar geöffnet, das so schwarz wie der Nachthimmel selber war. Nun lag die Spange vergessen auf dem Boden und reflektierte das schwache Licht Thorduns. Lay kniete vor der Spange nieder, nahm sie in ihre Hand und strich sanft über die Schnitzerei darauf.

Eine kleine Fee, die auf einem Apfel saß. Jorian hatte sie beim letzten Handwerkswettbewerb des Dorfes angefertigt, und nach seinem Sieg ihr geschenkt. Ihre gesamte Familie sah den Schmuck nicht gern, allen voran Danthe, doch sie konnte sich einfach nicht davon trennen.

Ihre Familie hatte sich für Layatha eine gute Partie gewünscht. Sie war eine recht wohlgeborene Tochter, für einen Großgrundbesitzer eine passende Frau. Sie hätte ein Leben auf einer Farm führen können, mit allem von Anfang an beschenkt, für das ihre Eltern immer hart arbeiteten.

Doch ihre Liebe war auf den charismatischen Burschen von nebenan gefallen, der unbeliebte Sohn eines einfachen Arbeiters. Und ihre Liebe war unantastbar – weder Bilron noch Aeryn Apfelberg würden es wagen, ihrer Tochter wahre Liebe zu verweigern, wo sie beide doch keine Zwangs- sondern eine Liebesverbindung waren.

Jorian war seiner Geliebten gefolgt und stand nun lächelnd hinter ihr. „Du trägst sie immer noch?“, er half Lay wieder hoch und sah mit ihr die Spange an. „Ich habe sie vorhin im Dämmerlicht kaum erkannt.“

Layatha lächelte ebenfalls, drückte die Spange in Jorians Hände und begann, ihre Haare zu einem ordentlichen, aber hastigen Dutt zu knoten. „Würdest du?“, fragte sie den Handwerker liebeswürdig und er nickte, trat zu ihrem Rücken und steckte ihr die Spange mit gewohnter Geschicktheit in die Haare. Dann streichelte er ihre Schultern, küsste ihren Hals und murmelte leise in ihr Ohr: „Musst du schon so früh zurück?“

Lay drehte sich um, legte die Hände an seine Brust und schob ihn sanft aber bestimmt ein wenig von sich fort, antwortete dann mit ernster Miene: „Ja. Mutter wartet auf die Äpfel. Ich sagte ihr, ich würde nur kurz bleiben und nun“, sie deute um sich herum, auf den Hain, den Himmel, „sieh’ dir an wie spät es ist!“

Mit einem bedauernden Seufzen drehte sich Jorian dem Baum entgegen und hob seine Weste auf. Er trug bisher nur seine lederne Hose und sein Baumwollhemd, das locker um seinen Hals und seine Schultern hing. Die Weste zog er sich über, hastig und ohne Vorsicht, zerzauste damit sein pechschwarzes Haar. Lay kam zu ihm, kämmte es mit ihren Fingern. Sie spürte einen Anflug von Enttäuschung bei ihrem Liebsten, und wollte dies nun durch Versprechen und Zärtlichkeiten wieder gut machen.

„Verzeih’ mir.“, sagte sie, schnellte hoch und küsste seine Nasenspitze. „Morgen nehme ich mir mehr Zeit für dich.“

Jorian legte die Arme um ihre Hüfte, drückte den Korb schmerzhaft gegen ihr Becken, doch ließ sie sich nichts anmerken. „Morgen musst du den Handel führen.“, sagte er trocken und blickte ihr starr in die Augen.

„Aber nicht lange. Danthe und Vater kommen morgen vom Hain herunter. Ich werde zur Schenke gehen müssen, um von dort etwas Malz zu holen“, sagte sie mit einem schwachen Akzent von Verruchtheit in ihrer Stimme. Jorian lächelte und küsste sie. Obwohl der Korb weiter drückte, wies sie ihn nicht ab, sondern erwiderte mit derselben Intensität und Ungeduld seine Leidenschaft.

„Doch weswegen kommen sie schon morgen zurück?“, fragte er ehrlich interessiert.

Lay wand sich aus seinen Armen und bearbeitete ihre Unterlippe. Sie mochte nicht an die Krankheit ihres Vaters denken, doch Jorians Frage hatte ihre Gedanken wieder dorthin gelenkt. „Ich glaube, eine ihrer Leitern ist gebrochen.“, log sie zaghaft, wandte sich dann an ihn und lächelte so unschuldig, wie es ihr möglich war. Jorian erwiderte ihr Lächeln. „Ich könnte sie für euch reparieren“, schlug er mit freudenvoller Stimme vor. Lays Magen verkrampfe sich, denn sie wusste, dass dies nicht so einfach gehen würde. Zwar war der junge Handwerker darauf erpicht, sich mit der Familie Apfelberg freundlich zu stimmen, doch allen voran Danthe wies den Geliebter seiner Schwester immer wieder ab.

„Ich glaube nicht, dass mein Vater dies gutheißen würde..“, begann Lay vorsichtig, doch kaum war dieser Satz über ihre Lippen gekrochen, so sah sie schon, wie Jorians Enthusiasmus wie ein Kartenhaus zusammen fiel. „Ich verstehe.“

Er seufzte, schlang ein letztes Mal die Arme um seine Apfelgöttin und küsste sie lange, zärtlich und voller Aufopferung. „Ich erwarte dich morgen. Versprich mir, dass du kommst.“, flüsterte er ihr zu, als sich seine Lippen von ihren trennten.

„Ich verspreche es dir, mein Geliebter.“

Jorian löste sich widerwillig von ihr, küsste ein letztes Mal ihren Handrücken und eilte dann den Hain herab.

Layatha stand weiter da, blickte ihm nach. Dann seufzte sie und machte sich selber, beladen mit ihrem Korb, auf den Rückweg bereit.

motiviert am 14.12.06 19:57


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