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Hochmut's Teil - umgeschrieben

~ Maltron, Karanes ~

Hochmut

Das Meer aus Wolken breitete sich unendlich über den Horizont aus. Die Schneewehen ließen kaum einen Blick auf die Landschaft, die Berge waren nur Schemen, welche die Erinnerung in die Wolken zeichnete.
An einigen wenigen klaren Tagen konnte man bis zu den Gipfeln blicken. Der Schnee, der stetig und still herab fiel, bedeckte die Spitzen der Berge und es schien, als habe sie jemand in Sahne getaucht. Nebel verhüllte ihre Gestalt und hinter ihnen versank die Welt in einem verschwommen grau.

Die Landschaft war so weiß und ebenmäßig rein, als habe die Natur sich einen Spaß erlaubt, und in diesem Tal das Grün der Blätter und Gräser, das Braun der Hügel und der Rinden gebleicht. Der Frost hielt das Tal in seiner festen Umklammerung, trennte das Schloss Clyme von der Außenwelt ab.

Inmitten jenes Tales ragte eine imposante Burg hervor, thronte über den Wipfeln der höchsten Bäume. Der weiche Farbton des wettergegerbten Gesteins war einer gläsernen, milchigen Schicht aus Schnee und Eis gewichen, sodass es den Anschein hatte, als sei’ die Burg selber vom Winter erbaut worden. Einzig die dunklen Fenster, die jedes Licht einzusaugen schienen, und das riesige, eichenholzfarbene Eingangstor an der Südseite des Bauwerks, hoben sich von dem Weiß der Landschaft ab.

Der Wind heulte um die Kanten der Festung, fegte über den Innenhof und machte sich einen Spaß daraus, die armen Geschöpfe, die sich nach draußen wagten, einen kalten Schock unter die Mäntel zu jagen. Er drückte sich mit aller Kraft gegen die Türen, versuchte, die Fenster zu zerstören und riss an den Bäumen, die im Hof seit einigen Jahrzehnten diesem Wetter jedes Jahr ausgesetzt waren.

Doch im Inneren der Burg Clyme war es warm. Die Bastion und alle, die in ihr wohnten, wussten um die herrischen Winter und man hatte sich darauf eingestellt.

Die Kamine brannten jeden Tag lichterloh und es gab extra Bedienstete, welche die Aufgabe hatten, dafür zu sorgen, dass jeder, der in Clyme seinen Studien nachging, warme Bettpfannen vorfand.

In guten Jahren ging die Verschwendung der Wärme gar soweit, dass Zimmer, die nicht genutzt wurden, ebenfalls beheizt wurden. Nur für den Fall, dass ihr Nutzen wieder entdeckt werden könnte.

Schloss Clyme war die einzige Akademie für Magister, Priester und angehende Politiker. Familien, die die enormen Summen für das Studium aufbringen konnten, schickten ihre Kinder hierher, um ihnen die Chance auf ein einflussreiches Leben zu geben.
Die meisten Novizen stammten fast ausschließlich aus gut diesen betuchten Familien und den Überfluss des Schlosses als selbstverständlich an.

Doch nicht jeder Novize stammte aus einem dieser adeligen Clans. Es gab einige wenige, deren Zukunft durch den Gott des Landes selber gesegnet worden war.

Jedem Bewohner des Landes Karanes war es möglich, um eine Audienz bei einem höfischen Ausleser zu erbitten. Die Kinder wurden von diesem speziell ausgebildeten Magistern begutachtet, und wenn sie einen wachen Verstand, ausgeprägten Fleiß aufwiesen, wurden sie dem Gott Katares vorgestellt. Dieser segnete die Kinder.

Und mit der Berührung eines Gottes auf der Haut der mittellosen Kinder war ihnen ein Platz an der Akademie Clyme sicher.

Der Speisesaal war wie jeden Nachmittag überfüllt und voller Novizen, die sich mit dem Mittag beeilten, um noch etwas Zeit für private Angelegenheiten zu haben. Einige wenige Magister stolzierten durch die Tischreihen, auf der Suche nach einem ihrer Schüler. Und trotz ihres meist hohen Altern strahlten sie eine enorme Kraft und Klarheit aus, die mit dem Empfangen der Gabe einherging. Der Duft von verschiedenen Speisen lag in der Luft und es war stickig, wie in einer unterirdischen Höhle.

Heute war der Trubel in dem viel zu kleinen Saal noch gewaltiger und der Krach der durcheinander rufenden Novizen bis in den unterirdischen Bücherkeller zu hören.

Es war der Tag der Mondruhe, der Tag der dunklen Nacht und traditionell wurden an einem solchen Zeitraum die Ergebnisse der letzten Prüfung durchgegeben.

Jene, die sich durch eine besondere Begabung ausgezeichnet hatten, wurde die Möglichkeit geboten, in besonders jungen Jahren ihren Abschluss zu machen und die Gabe der Schattensicht zu erhalten.

Seit Jahren hatte es einen solchen Fall nicht mehr gegeben. Doch vor wenigen Monaten hatte die Rektorin der Akademie, in einer Zukunftsvision eine Ahnung erhalten, die sie als Ankündigung eines solchen Genies gedeutet hatte. Nun wollte jeder erfahren, wer dieses Genie war und selbst jene, die keine Prüfung abgelegt hatten, drängten sich in den Speisesaal – in dem sich auch die Tafel für Ausschreibungen befand – um von einem besonderen Ergebnis zu hören.

Während die meisten Novizen sich auf den Bänken in der Nähe der Tafel und der Tür zum Administratorenzimmer tummelten und ihr Essen kaum eines Blickes würdigten, stand eine einzelne Person von der Menge abgewandt unter den Treppen an der Ostseite der Halle.

Unterdessen die Schüler diskutierten, ob sich jemand im Unterricht besonders hervorgehoben hatte, lehnte sich die Gestalt an einen der Balken, die eine der alten Holztreppen in die Bibliothek über dem Speisesaal trugen, und betrachtete mit forschendem Blick auf die Szene vor sich.

Sie strahlte eine unerschöpfliche Ruhe aus und trotz ihrer Jugend – war sie doch nicht mehr als achtzehn Winter alt – wirkte sie reif und vernünftig wie eine erwachsene Frau. Die Unmut und die Ungeduld der anderen Novizen schien sie kaum zu erreichen. Ebenso wie die Kälte, die das Schloss im Griff hielt, schien es.

Hochmut trug nichts weiter als eine schmale schwarze Robe über einem einfachen grauen Wams, schwarze Hosen und dunkele Stiefel. Die Kapuze der Robe ruhte auf ihren Schultern, verdeckt von ihrem seidigen schwarzen Haar.

Sie stand im Halbschatten der Treppe, das Licht wurde von den braunen Schuppen auf ihrer Haut reflektiert, in ihren schwarzen Augen glitzerte es und schien sich in einer schwarzen Unendlichkeit ewig zu brechen.

Noch immer sah sie keinen der Magister aus dem Gemach des Administrators kommen, niemand heftete das erwartete Papier an die Tafel. Schon seit den frühen Morgenstunden wartete Hochmut im Speisesaal, zurückgezogen von den anderen und mit dem Blick auf die Tafel gerichtet. Doch wie auch die Geduld der Novizen, die grummelnd den Saal verließen, ging sich Hochmuts Geduld allmählich zur Neige.

Mit einem tiefen Seufzer trat sie wieder in den Schatten der Treppe und ließ sich auf dem samtbezogenen Lesesessel, der dort neben einer antiquierten Lampe mit passendem Tisch darunter, befand. Auf dem Tisch ruhten die Zeugnisse ihrer langen Wartezeit:

Ein altes Buch mit mehreren Lesefalten, Eselsohren und gewundenen Seiten lag mit dem Einband nach oben da, eine leere Tasse mit den klebrigen Überresten eines honigfarbenen Getränkes und einige Krümel, die von einem Stück des süßen Apfelkuchen stammten, den sie in der Küche erschmeichelt hatte.

Nachdem sie ihre Robe zurechtgezupft und einen enttäuschten Blick in die leere Tasse geworfen hatte, griff Hochmut erneut nach dem Buch und begann darin zu stöbern.

Es war eines der am meisten gelesenen Bücher der Clym’schen Bibliothek, eine frühe Arbeit des ersten Dieners des Gottes Katares, Ryone Baumhoch. Es trug den Titel „Die Geschichte einer wachsenden Hoffnung“.
In ihm wurden die ersten Tage des Gottes auf Erden in seinem Palast in Kantar berichtet, darüber, wie er seinen ergebenen Dienern ein unnatürlich langes Leben verlieh’ und von der Entwicklung des Landes Karanes.

Auch wurde von dem starken Band des Gottes mit seiner Schwester Ravani bereichtet, die das Nachbarland Ravene regiert. Über ihren Streit und die Eifersucht, die Katares ergriff, als er von der innigen Beziehung von Ravani und Anerius, dem höchsten aller irdischen Götter und seinem Halbbruder, hörte.

Das letzte Kapitel, das fast ein Drittel des gesamten Bandes umfasste, berichtet dann von Ryones Schmerz, als sein Herr ihm eröffnete, er würde das Land nicht mehr selber regieren. Er würde fort gehen, sein einsames Leben in Irthil, dem Nebelreich der Götter, verbringen.

Die letzten vier Seiten schrieb Ryone mit seinen letzten Atemzügen. Er sprach davon, dass er nicht zu glauben fähig sei, die Liebe zu einem Gott könne durch eine Gemahlin übertroffen werden – was ihn nicht davon abhielt, sieben Kinder zu zeugen, womit er die Sippe der Athan begründete
Seine letzten Worte, auf der letzten, ansonsten leeren Seite, prägen die Stadttore von Katar noch heute:

Denn Glückseligkeit erweckt nur die Liebe des Vaters.

Wie auch Hochmut, war Ryone ein Kayare gewesen. Die leiblichen Kinder des Gottes mit einer dämonischen Echse. Geprägt von demselben Äußeren der Dämonin – schuppig, groß, kräftig, schwarzes Haar – und der Begabung des Gottes waren sie die erste Götterrasse seit Beginn der Geschichtsschreibung. Kayare galten als gebildet, rassig und anmutig. Viele Anhänger dieser Gattung besuchten Clyme oder hatten schon ihren Abschluss errungen und arbeiteten nun als Magister und Beamte im ganzen Land.

Und auch der gesamte Hofstaat von Karanes bestand aus Kayaren.
Hochmut hatte das Buch viele Male gelesen. Es war eine wichtige, historische Chronik ihres Landes und man erwartete, dass sie die wichtigsten Stellen fehlerfrei rezitieren konnte. Aussagen des Gottes über die verschiedenen Bereiche des Lebens: Religion, Bildung, Gesundheit, Erziehung. Auch waren seine Weisheiten und seine persönlichen Ansichten von essentieller Bedeutung für die Kultur des Landes gewesen und waren es heute noch, weswegen fast jeder Novize, der aus einer betuchten Familie stammte, eine Kopie dieses Werkes an erster Stelle in seinem persönlichen Bücherregal aufbewahrte.

Gerade versank Hochmut in der detaillierten Beschreibung Ryones, wie Katares seinen Palast „Maitdyr“ aus dem Gestein des roten „Blutberges“ Rina schlug, als sie bemerkte, dass die allgemeine Lautstärke angeschwollen war.

Die Schüler begannen wild durcheinander zu reden, Stühle wurden angeschoben, Roben gerafft und Teller sowie Besteck zusammengeworfen.

Interessiert und mit einer zaghaften Hoffnung auf Erlösung legte Hochmut eiligst und ohne viel Umsicht ihre Kopie der „Geschichte einer wachsenden Hoffnung“ beiseite, erhob sich und trat so weit vor, dass sie wieder den gesamten Saal in ihren Blick fassen konnte.

Die Tür des Administratorenquatiers stand offen. Administrator Frayn Eishöhle, ein großer und attraktiver Mann in den späteren Jahren mit einer charakteristischen Narbe auf der strahlenden Glatze, stand im Türrahmen, in eine angestrengte Unterhaltung mit der Magisterin Aeyvo Staubklinge vertieft. In der Hand hielt er eindeutig mehrere Zettel von äußerster Wichtigkeit. Selbst am anderen Ende der Halle konnte Hochmut die fein eingearbeiteten Goldfäden an ihrem sanften Glanz erkennen und ihr Herz begann, vor Nervosität höher zu schlagen.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sich der Administrator von der Magisterin mit einer entschuldigenden Geste abwandte und dann mit schnellen Schritten auf die Tafel für die Ankündigungen zutrat.

In der Halle wurde es immer stiller und die nervöse Erregung der Novizen hing drückend in der Luft. Mit geschickten Händen, die diese Tätigkeit schon hunderte Male erledigt hatten, heftete der Administrator die Kundgebungen an die Tafel, drehte sich um, ermahnte alle Novizen im Raum mit einem ernsten Blick zu angemessenem Verhalten, und trat dann in einer ausladenden Geste zurück zu Aeyvo.

Schon während sich die beiden auf dem Weg die Treppe hinauf befanden, unter der Hochmut mit klopfendem Herzen stand, bewegten sich die Novizen auf die Tafel zu. Bald schon war der kleine Platz vor der breiten Ausschreibungstafel von drängenden Novizen überfüllt.
Hochmut atmete tief ein und schloss dabei die Augen.

Sie griff nach ihrem Buch, ließ die Tasse gewissendlich stehen, und trat dann bemüht ruhig an der Treppe vorbei und etwas abseits von der sich drängenden Meute zu der Tür des Administratorenquartiers.

Sie blieb ein Stück vor der Tür stehen, beobachtete die anderen Novizen, die noch immer ein gutes Stück von ihr entfernt waren.

Ihre Hoffnung sank langsam, als sie sah, wie viele sich nach vorne drängelten und einen Blick auf die Ergebnisse erhaschen wollten. Es würde sie viele Nerven und wohl einige blaue Flecken kosten, sich dort hindurch zu drängen.
Seufzend zuckte Hochmut die Schultern und ließ sich auf der Ecke der erstbesten Bank neben den Esstischen fallen, um ein wenig mehr in Ryones Chronik zu Blättern.

Doch kaum hatte sie weitere drei Seiten gelesen, wurde ihr Lesefluss jäh unterbrochen. Die Tür des Adimintratorenquartiers wurde ein weiteres Mal geöffnet und heraus trat die Magisterin Reila Eishöhle, Gattin des hochgeschätzten Administrators. Hochmut blickte von ihrer Lektüre auf und stutzte, als Reila sie mit einem undeutbaren Blick zu sich winkte.
Sie folgte dieser Geste, markierte mit ihrem Finger die Seite des Buches und stand dann auf. Mit wenigsten Schritten trat sie auf Reila zu, die noch immer in der Nähe der Tür zu ihrem Quartier stand. Als Hochmut an ihrer Seite angekommen war, nahm die Ältere sie an sich, indem sie ihr einen Arm um die Schultern legte. Von dieser Geste überrascht, entschloss sich Hochmut gegen ihr Vorhaben, die Magisterin nach dem Grund für ihr seltsames Verhalten zu fragen.

Reila sputete sich, zerrte Hochmut quer durch den Speisesaal und schlug den Weg ein, der sowohl in den Trakt der Himmelsprofessoren als auch in den der Verwaltung führte. Sie gingen schweigend nebeneinander her und nur das stetige Klacken ihrer Stiefel und das Flattern von Reilas Robe bildeten ihre Geräuschkulisse. Als sie den halben Professorentrakt durchquert hatten, konnte Hochmut nicht mehr bei sich halten.

„Magisterin …“, begann sie, wurde aber unterbrochen, als Reila abrupt stoppte und Hochmut mit sich zu einer Tür zog. Hochmut schluckte, denn sie erkannte diese Tür als eine derjenigen, die hinab in die Kellergewölbe der Burg führten – Wo man Bücher, Chemikalien und anderes Wissen aufbewahrte. Es war jedem Novizen verboten, diese Gänge ohne Erlaubnis des Administrators zu betreten und Hochmut war nicht sicher, ob es in Begleitung seiner Frau nicht auch Konsequenzen geben könnte. „Magisterin Reila“, begann Hochmut wieder, während die ältere Frau einen Schlüsselbund hervorholte und begann, den richtigen Schlüssle zu suchen.

Als keine Antwort kam, entschied sich die junge Kayare, etwas forscher und direkter vorzugehen. Reila und Hochmuts Mentor Leciwe Mooswald waren gute Freunde und so musste Hochmut keine Rüge wegen mangelnden Respekts erwarten – Es hatte viele Morgen gegeben, ehe das Eis des Winters Clyme in den Griff bekommen hatte, in denen Hochmut, Leciwe und Reila zusammen auf der Terasse vor dem Speisesaal gemeinsam gefrühstückt hatten. Das Verhältnis zwischen ihnen war locker, fast freundschaftlich.

„Reila, ich verstehe den Sinn dieses überstürzten Aufbruchs nicht und werde nicht ohne die Zustimmung ihres Mannes das Kellergewölbe betreten!“

Für wenige Augenblicke herrschte Schweigen in jenem Gang und Reila stockte in ihrem Suchen nach dem richtigen Schlüssel.

Sie sah auf und schenkte Hochmut ein trauriges Lächeln. „Es tut mir Leid, Hochmut. Es ist nur … Die Zeit drängt und ich fürchte, du wirst keine Freude daran haben.“

Hochmut runzelte die Stirn und sah still zu, wie die Magisterin einen Schlüssel von den anderen absonderte und damit die Tür zum Gewölbe öffnete. „Ich versichere dir, dass das Betreten des Kellers von meinem Mann bewilligt wird.“

Mit einem kräftigen Ruck zog sie die schwere Eisentür nach außen auf. Das Metall gab ein unangenehmes, quietschendes Geräusch von sich, als es über den steinernen Boden gezogen wurde. Auf der inneren Seite der Tür hing eine kleine Öllampe, die flackerndes Licht von sich gab. Reila nahm sie von dem Harken, auf dem sie hing, und trat durch die Tür auf die Treppen vor ihnen herab.

17.6.07 16:49
 


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