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Athanasia - Layatha 1, Maltron, Malterian

Trotz des nahenden Winters, schien sich die Sonne in diesem Jahr nicht verscheuchen zu lassen. Selbst so weit in den Herbst hinein, zu einer Zeit, in der normalerweise die ersten warmen Felle aus den Speichern geholt wurden, war das Gras auf den Hügeln und Bergen rund um das Dorf Malterian noch leicht ergraut, ausgetrocknet. Zwischen den hohen Grashalmen hockten die Grillen und surrten den abendlichen Besuchern ein zartes Ständchen. Kaum ein Vogel war in den Süden gezogen und sie alle sangen ihr abendliches Duett. Die Apfelbäume säumten sich noch mit teilweise gar grünen Blättern, die Äpfel selber waren prall, saftig und überaus süß.

Layatha stapfte durch das hohe Gras, raffte ihr langes Sommerkleid bis knapp über die Knie, um die Grillen davon fern zu halten. Sie knirschte mit den Zähnen, suchte sich möglichst grasfreie Flecke aus, um ihre baren Füße abzusetzen. In ihrer Armbeuge hielt sie einen Korb, gefüllt mit dem Kuchen ihrer Mutter, die sie angewiesen hatte, ihrem Bruder und Vater davon zu bringen. Beide waren auf dem Hain der Familie unterwegs, zwischen den Apfelbäumen verbrachten sie ihren Tag.

Nach diesem langen, heißen Sommer waren es viele Äpfel, die sie zu ernten hatten, besonders fruchtig und süß. Manchmal kam Layatha hinauf in den Hain, um den köstlichen Kuchen ihrer Mutter gegen Äpfel zu tauschen, die schon vor Abschluss der Ernte zu einer Köstlichkeit werden würden.

Und auch heute war sie zu dieser Mission aufgebrochen.

Die Sonne ging gerade hinter dem höchsten Hügel herunter, die letzten Strahlen des Tages kitzelten Layathas Nacken. Sie hatte ihre langen, schwarzen Haare zusammengebunden und hochgesteckt. Dennoch rannten ihr die Schweißperlen über den Nacken, unter ihr Kleid. Der Aufstieg war beschwerlich gewesen und Layatha fühle sich erschöpft, doch das sanfte Sonnenlicht verhinderte, dass ihre Laune sich gänzlich verschlechtere.

Dann sah das junge Mädchen auf, ließ ab von dem hohen Gras und den Grillen. Sie ließ ihr Kleid los, atmete tief ein und aus. Der frische Duft von Gras und ein leichter Akzent von Apfel darin hielten sie für einen Moment gefangen, doch sie riss sich davon los, nicht ohne Mühe, und ging weiter. Mit bewusst gesetzten Schritten wanderte sie in die Richtung, von der sie annahm, dass sie richtig war.

Doch kurze Zeit später hielt sie erneut an. Diesmal rang sie noch stärker nach Luft, strich ein wenig von dem Gras zur Seite, sodass die Grillen das Weite suchten. Eine von ihnen machte einen gewaltigen Satz von einem hohen Grashalm, der Lay bis zu Hüfte reichte, hinüber zu ihrer Schulter. Mit einem überraschten Aufschrei riss sie die Hände hoch, der Korb wackelte in eine fast schräge Position und wackelte gefährlich. Das Tüchlein, mit dem sie den darin befindlichen Kuchen vor der Hitze versteckte, fiel herab. Die Grille sprang überrascht von ihrer Schulter auf einen weiter entfernten Grashalm und begann dort, wütend zu zirpen. Grummelnd und über sich selber verärgert beugte sich Layatha herunter, um das herabgefallene Tuch aufzuheben.

Dabei fielen ihr immer die vordersten Strähnen ihrer langen Haare in die Augen und sie strich sie jedes Mal ungeduldiger wieder hinter die Ohren. Nachdem sie wieder und wieder die Haare zurückgestrichen hatte, ließ sie sich müde und frustriert in das Gras fallen. Ihr Kleid bauschte sich um ihre Knie auf. Sie raffte es hinauf zu ihren Schenkeln, um den leichten Windzug hier oben auf dem Hain besser genießen zu können.

Es war wirklich unerträglich warm. Die Ältesten in ihrem Heimatdorf Malterian erzählten sich, dass dies der längste und heißeste Sommer seit Gedenken sei. Tatsächlich waren schon Schreiber und Gottesdiener aus dem ganzen Land umhergereist, um die Leute, die ihres Lebens bei der Hitze nicht mehr froh wurden, Mut zuzusprechen oder behilflich zu sein. Die Schreiber hatten Klagen und Wünsche aufgenommen, um sie der Göttin des Landes vorzutragen, und die Gottesdiener waren jene, die diese Wünsche erfüllten.

Layathas Familie kam dieser Sommer jedoch zur Gute, denn ihre Äpfel sprossen unvergleichlich und waren süßer, als Lay es sich hätte ausmalen können.

Sie saß noch einige Weile, umringt von Grillenzirpen in dem hohen Gras, genoss die Sonne auf ihrer Haut und die kühlen Briesen an ihren Beinen. Ihr Blick strich über die Landschaft. Unter ihr Malterian, wo die Menschen, sehr klein, aber dennoch konnte Lay einige von ihnen an ihrem Äußeren erkennen, geschäftig umherliefen. Sie sah Servy Allain, die Tochter des Schmiedes, wie sie mit ihren jüngeren Geschwistern ausgelassen über die Handelsstraße tanzte und sie fröhlich ein Lied sangen. Layatha hörte zwar keinen Ton von dort unten, doch sang sie leise mit. An den tanzenden Bewegungen der Kinder und an der Art, wie sie sich gegenseitig immer wieder auf die Schulter klopfen, wusste sie, dass dort unten gerade das Lied zur Ehre der Ernte gesungen wurde. Ein sehr berühmtes und beliebtes Lied in Naieras, ein Lobgesang zur Göttin Naire und zur Göttin Loras.

Dann wandte sie ihren Blick von dem Dorf unter ihr ab und schaute empor, die Augen durch ihre linke Hand von der Sonne abgeschirmt.

In einiger Entfernung erkannte sie eine bekannte Silhouette, die ihres Bruders, der auf einer Leiter stehend mit den Händen in der Baumkrone vergraben war. Layatha erhob die Hand und winkte ihm zu, rief ihm zu, doch er schien sie nicht zu bemerken.

„Danthe! Danthe, hier drüben!“ Sie winkte weiter, er zu ihr hinüber blickte. Er schien sie zu erkennen, stieg die Leiter hinunter und erwiderte ihren Gruß.

Lay raffte erneut ihren Rock, klemmte den Korb in ihre Armbeuge und machte sich nun ausgeruhter auf den Weg den Hang hinauf.

Wenige Augenblicke später stand sie auf einer kleinen Ebene, die wie ein gerader Vorsprung aus der abfallenden Graswiese ragte. Ein besonders stattlicher Baum wuchs auf der abfallenden Seite des Vorsprungs hervor und dominierte den Boden des Hangs. Layatha keuchte und ließ ihren Rock wieder schwingen, da hier das Gras nicht so hoch wuchs.

Danthe stand vor ihr, sein Blick harrte auf dem Korb, den Layatha bei sich trug. Er schien es nicht für nötig zu erachten, seine Schwester zu grüßen, sondern fixierte wie ein hungriger Wolf einzig und allein den Korb mit der Leckerei. Bilron, der alte Apfelbauer, lehnte sich müde an die aufsteigende Schräge des Hanges. Seine dunklen Augen blickten direkt in die seiner Tochter. Sein Atem ging flach und Lay glaubte, ein leises Rasseln in seinen Zügen zu hören. Der Schweiß perlte an seiner bräunlichen Haut herunter und das braune Haar, so sehr von der Sonne ausgebleicht, hing strohig in sein Gesicht.

„Guten Abend, meine Kleine.“, sagte er, lächelte sie gütig an und winkte sie mit trägen Bewegungen an seine Seite. Er wirkte erschöpft, das bemerkte sie sofort. „Guten Abend, Papa.“, sagte sie, ebenfalls lächelnd. Danthe hatte seinen Blick nicht von dem Korb gewandt, also drückte Lay ihn in seine offenen Arme und eilte zu ihrem Vater. Sie ließ sich neben ihm auf dem Gras nieder, legte den Kopf auf seine Brust. „Hallo, Papa.“ Bilron streichelte durch ihr schwarzes Haar und Lay schloss die Augen.

In den letzten Tagen waren Danthe und Bilron fast ausschließlich im Hang gewesen und Lay merkte, dass die harte Arbeit in der Sonne ihrem Vater nicht zu besserer Gesundheit verhalf. Mit dem Ohr an seiner Brust hörte sie das Rasseln nun deutlicher, auch wenn Bilron anscheinend viel tat, um es zu verbergen. Er hustete einmal gekünstelt, setzte sich dabei auf und schob Lay dann sanft zur Seite. „Danthe, bring’ es herüber und nimm nicht alles für dich“, herrschte er seinen Sohn an, der sich schon fast an dem gesamten Kuchen gütig getan hatte.

Der Knabe trat vor, setzte sich in den Schatten des Baumes auf den Boden und legte den Korb auf das Gras vor sich.

„Mama bat mich, wieder einen kleinen Tauschhandel zu versuchen.“, sagte Lay, während sie ihre Haare aus dem Zopf löste.

Danthe nahm das Spitzendeckchen von dem Korb und legte es fast sorgsam zur Seite. Dann nahm er einen Teller aus dem Korb, reichte ihn Bilron, der ihn dankend annahm. Dabei zitterte seine Hand beunruhigend.

Layatha warf Danthe kurz einen wissenden Blick zu, den ihr Bruder erwiderte. Er hatte es auch gemerkt, wahrscheinlich war ihm die stetige Veränderung der Gesundheit ihres Vaters schon lange aufgefallen. Die harte Arbeit auf dem Hang, besonders in einem so ertragsreichen Jahr, konnte jeden guten Mann ausmergeln. Bilron jedoch war nicht nur diesen Sommer in dem Hain unterwegs gewesen, sondern jedes Jahr aufs Neue.
Selbst Danthe schien etwas erschöpft. Lay fiel auf, dass er nicht so gerade saß wie sonst, er sich stattdessen träge und mit hängenden Schultern an den Baumstamm gelehnt.

Der junge Mann verteilte an Layatha und sich die zwei übrigen Teller, legte dann jedem ein ungenau geschnittenes Stück Apfelkuchen darauf. „Ich hoffe, es schmeckt euch.“, sagte Danthe und nickte Bilron wie auch seiner Schwester zu.
Layatha fuhr mit den Fingern lose durch die Strähnen ihrer Haare, ordnete sie neu und band sie dann zu einem Pferdeschwanz, der ihr bis zwischen die Schulterblätter reichte, zusammen. Sie befestige die Spange, sie ihre Haar stets schmückte, direkt darüber und seufzte dann zufrieden. Erst dann widmete sie sich ihrem Stück Kuchen, doch als sie es betrachtete, verging ihr aus einem unerfindlichen Grund der Appetit. Danthe aß gemächlich, so, als hätte er sich schon zuvor satt gegessen. Bilron kaute ebenfalls langsam, doch Lay vermutete, dass er das Zittern seines Armes verbergen wollte, der selbst der kleinen Anstrengung, den Kuchen zu halten, zu trotzen schien.

Sie seufzte, ließ sich nach hinten in das Gras fallen und blickte verträumt in den Himmel, der sich allmählich von einem sanften Orange in ein Rostrot färbte. Die Sonne, die heilige Mutter Lorlay, würde nur mehr zu bald eine schwache Erinnerung sein, die sich hinter dem Hain verstecken würde..

„Unsere Göttin Naire gelobe deine Mutter.“, unterbrach Bilron die abendliche Stille des Essens. Er ließ ein zufriedenes Seufzen hören, dann rauschte etwas Gras sanft in einer Windboe.

Lay schloss die Augen, lauschte auf das Geräusch. „Hast du gar nichts gegessen, Layatha?“, fragte ihr Vater im vorwurfsvollen Ton. Lay stützte sich auf ihre Ellenbogen, schüttelte den Kopf. „Ich habe schon auf dem Weg den Hang hinauf etwas davon gegessen“, log sie und blickte dann Danthe an.

Der junge Apfelwirt saß da, blickte seinen Kuchen verträumt und ohne Hunger an, hatte kaum etwas davon gegessen. Nun bemerkte auch Bilron dies.

„Danthe, du auch nicht!“

Lays Bruder sah auf, schüttelte nur stumm den Kopf. Bilron seufzte, beließ es aber dabei.

Layatha spürte die Anspannung, die sich auf dem Vorsprung breit machte. Es war ihr zuwider, sich ihren wundervollen Tag durch eine abendliche Diskussion mit ihrem Vater verderben zu lassen.

So setzte sie sich auf, bat Danthe um den Henkelkorb und holte daraus zwei Trinkschläuche mit Wasser.

„Teilt es euch ein. Ich komme morgen vielleicht nicht zu euch hinauf.“, sagte sie tonlos und wollte gerade aufstehen, als Bilron das Wort ergriff.

„Wir kommen morgen vielleicht schon wieder zu euch runter.“

Danthe und Lay blickten beide gleichermaßen verblüfft zu ihrem Vater.

Die Ernte dürfte erst in einer Woche abgeschlossen sein. In dieser Zeit lebten die beiden Bauern fast ausschließlich auf dem Hang, bekamen Essen und Trinken von Layatha oder ihrer Mutter Aeryn gebracht. Es war gar nichts Bilrons Art, seine Arbeit vorzeitig abzubrechen.

Danthe räusperte sich, sah dann Layatha an. „Ja. Wir brauchen neue Kleidung und auch neue Werkzeuge.“

Lay hob eine Augenbraue, doch sie schwieg. Vielleicht war dies die Art ihres Vaters, sich einzugestehen, dass die Arbeit auf dem Hang anstrengend war und er nicht mehr wirklich dazu fähig war, tagelang durchzuarbeiten.

Sie nickte nun knapp und stand auf, klopfte das Gras und den Dreck von ihrem Kleid und raffte es an der linken Seite. Während Danthe seinem Vater aufhalf, ging Lay auf einen Korb mit Äpfeln, der an dem Baum des Vorsprungs lehnte, zu und holte von dort einige Früchte hervor, mit denen sie den Korb in ihrer Armbeuge füllte.

Dann drehte sie sich um, trat noch einmal zu Bilron und ihrem Bruder, küsste beide behutsam und sanft auf die Stirn und verabschiedete sich mit der ehrerbietenden Floskel ihres Gottesreiches.

„Möge Naire auf euch aufpassen.“, sprach sie und knickte kurz nieder. Danthe erwiderte den Abschiedsgruß, wie er es von seinem Vater gelernt hatte:„Und alle anderen Götter auf dich, Layatha.“

Das Mädchen drehte sich schwungvoll um und ging den Hain hinunter. Steil wie dieser war, musste sie sich gelegentlich an dem hohen Graß festhalten, so gut es mit dem Korb in der Armbeuge und dem Kleid in der Hand ging.

Schon bald war die Sonne nur noch eine lichte Erinnerung am Horizont, die ihre letzten Strahlen über den Hain schichkte, als Lay eine Pause von dem ermüdlichen Abstieg machte. Der Vorsprung und der Baum, unter dem sie vor kurzem gegessen hatte, war nur noch ein kleiner Punkt aus Braun und Grün über ihr.

Unter ihr lag ihr Heimatdorf, Malterian, das am Tage hell strahlte und in der Nacht durch den hellen Marmor ein sicherer Hafen für Reisende war. Ihr ganzes Leben hatte sie in jenem Dorf verbracht, behütet von den Apfelbergen, die ihr zu ihrem Nachnamen verholfen hatten. Mit einem vor Anstrengung klopfenden Herzen blickte sie in lebendiger Erinnerung auf dieses Dorf hinab. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, denn sie freute sich auf das ruhige Abendessen mit ihrer Mutter. Vielleicht würde sie Aeryn von dem Zustand ihres Mannes schon heute unterrichten, sodass sie sich morgen nicht allzu sehr aufregen musste.

Bei dem Gedanken an das Rasseln im Atem ihres Vaters, erstarb Layathas Lächeln. Sie nahm den Korb von ihrem rechten Arm auf den linken und raffte das Kleid erneut, um weiter hinab zusteigen.

Sie tänzelte den nächsten Schwachen Hügel an diesem Hang hinunter, auf einen schräg gewachsenen Apfelbaum zu. Sie wollte sich daran abstützen, ihre Geschwindigkeit bremsen und dann das letzte kleine Stück gemächlich hinabspazieren.

Doch ihre Hand berührte gerade die Rinde des Obstbaumes, als ein vertrauter Geruch in ihre Nase stieg.

Feuchte Erde.

Layatha lächelte überglücklich, ließ ihren Körper mit dem Schwung des Abstiegs um den Stamm kreisen und sah in seine grauen Augen.

„Hallo, meine Apfelgöttin.“, schnurrte seine raue Stimme.

Jorian lächelte sie an, ließ ihr keine Zeit zum Antworten und umfasste ihre Hüfte. Er drückte seine Lippen auf ihre, zwang sie auseinander und küsste sie leidenschaftlich.

Lay erwiderte den Kuss, vergaß jeden Gedanken an ihre Mutter im Dorf, an ihren Vater im Hain. Ihr Kleid war egal, sie ließ den Korb mit den Äpfeln fallen, die langsam über den Boden hinabrollten.

Er roch nach feuchter Erde und ein wenig nach Bier, was sie erregte und als seine Hand an ihrem Rücken entlang strich, verlor sie den Verstand.

Sie schlang die Arme um seinen Hals, ließ sich von ihm gegen den Stamm des Baumes drücken. Jorians Hände wanderten unter ihren Rock, suchten nach der Wärme ihres Schoßes. Seine Hände waren feucht und sie spürte, wie die Erde von seinen Händen an ihren Schenkeln kleben blieb. Als er fand, was er suchte, keuchte Layatha auf, warf den Kopf zurück. „Jorian ...“

Sie schloss genießend die Augen.

Er lächelte, liebkoste ihren Hals und schob mit den Zähnen den Träger ihres Kleides beiseite. Ihre Hände streichelten seinen Rücken, wanderten unter sein Hemd. Sie spürte, wie er sie aufnahm, auf den Boden, in das trockene Gras legte und spürte seine Erregung in jeder seiner Bewegungen. Das Gras war noch etwas warm von der prallen Mittagssonne, doch nichts im Vergleich zu dem Feuer in seinen Händen.

Die letzten Sonnestrahlen, die den Himmel in ein verblassendes, sanftes Rosa tauchten, brachten ein warmes Gefühl mit, das doch von ihrer lodernden Liebe zu Jorian fast erstickt wurde. Alles erschien ihr völlig perfekt, im Einklang mit allem, was sie sich je erträumt hatte.

Sie entspannte sich und genoss es, von ihm in der Dämmerung inmitten des Heugeruchs geliebt zu werden. Die Sonne zog ihre letzten Sonnestrahlen wie unartige Kinder zu sich, verschwand völlig und gewährte den Sternen, Augen der Götterväter, Platz. Über ihnen allen strahlte der Vater aller Väter, Thordun, der Mond des Diesseits, mit seinem sanften, aber kalten Licht auf das Paar, das am Fuße des Hangs in einander versunken dalag.

Der Mond, stand schon fast senkrecht über dem Apfelhain, als Layatha langsam und behände hinab ging, um die Äpfel einzusammeln, die den steilen Hang herunter gerollt waren. Der Bastkorb verweilte wieder in ihrer Armbeuge, der Träger ihres Kleides wieder auf ihrer Schulter. Der Korb war an der linken Seite schmutzig und etwas beschädigt, von jenem Moment, als sie ihn hatte fallen lassen. Einige der Früchte waren fast den gesamten Hügel hinabgerollt, auf dem Jorian sie überrascht hatte.

Das schwache Licht des hohen Mondes half ihr bei der Suche, doch ihre Arme fühlten sich schwer an, als ob sie jeden Grashalm einzeln zur Seite schieben musste.

Im Nacken spürte sie Jorians Blick, der ihren nackten Rücken - sie hatte noch keine Zeit gefunden, die Knöpfe zu schließen - musterte und noch immer vor dem Baum ruhe.

Nach einigen Augenblicken der verzweifelten und erfolglosen Suche stellte sich Lay auf, stemmte die Hände in die Hüften und musterte ihren Geliebten mit einer mit ärgerlich gekräuselter Nase. „Du könntest mir wohl helfen.“

Jorian lächelte, stand auf und kam zu ihr herunter. Auch ohne die abfallende Ebene des Hains, auf der Layatha unter ihm stand, hätte er sie um einen ganzen Kopf überragt, doch nun musste sie den Kopf fast ganz in den Nacken legen, um in seine Augen zu blicken. Seine grauen Augen, die ohne Zweifel von seiner Herkunft berichteten, starrten mit einem Anflug von Vergnügen in ihre. „Sehr wohl, holde Dame.“, sagte in einem gekonnt und gleichzeitig gekünstelten höflichen Tonfall, neigte sich herunter und hob, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, die drei verbliebenen Äpfel auf. Mit einer schnellen Bewegung legte er sie in Layathas Korb.

Diese musste lachen. „Verflucht seien deine Augen.“

Jorian lächelte neckisch, zog sie zu sich und küsste sie. Noch immer voller Leidenschaftaft und dem stillen Wunsch, dass sie sich erbarmen würde, sich noch einmal zu ihm in das ausgeblichene Gras zu legen. Lay spürte, wie seine Hände an ihrem Körper heruntertasteten, kicherte mädchenhaft und schob ihn doch bestimmt von sich fort.

„Ich muss nach Hause. Mutter wartet.“ Zunächst huschte ein Ausdruck des Bedauerns über das Gesicht des Handwerkers, doch er schluckte seinen Ärger herunter.

Jorian nickte, dann wandte er sich ab, trat um sie herum und begann, die Knöpfe ihres Kleides zu verschließen. Layatha nahm ihre Haare zusammen, erhob sie, damit sie nicht im Weg waren. „Danke“, murmelte sie und er küsste sanft ihren Nacken, knapp unter dem Haaransatz.

Nun stand er am unteren Ende des Hanges, doch war er noch so groß, dass Lay seinen warmen Atem im Nacken spüren konnte. Ein wohliger Schauer fuhr über ihre Haut und sie atmete seinen erdigen Geruch ein.

Seine Hände waren geschickt, ob es nun beim öffnen oder schließen eines Kleides.

Genard Merlis Erlary, Jorians Vater, genoss im Dorf kein großes Ansehen. Ohne Frau und als Flüchtling zu ihnen gekommen, hatte er die einzige Fähigkeit die der Bürgerkrieg ihm gebracht hatte genutzt und war Bestatter geworden.

Er salbte, pflegte die Toten und ließ sie dann mit seinem persönlichen Karren in die Hauptstadt bringen, wo die Toten dann von der Landesgöttin Naire persönlich gesegnet und in die Totenwelt Indorn gebracht wurden.

Während der Zeit, in der Genard auf Reisen war, war es an Jorian, die Toten zu lagern, bis sein Vater zurückkam.

In der Zeit, in der sein Vater im Dorf war, stellte Jorian kleine Kunstgegenstände her – Ringe, Ketten, Skulpturen. Daher seine sanften, feinfühligen und geschickten Hände, die präzise jeden Griff vorgeplant ausführten. Er schnitze, er schmiedete, er formte. Er kleidete an, er salbte, er entkleidete.

Layatha liebte seine Hände, wie sie alles an ihm liebte. Ihre Bewegungen waren, egal was er tat, immer geschickt und schnell, was sie bewunderte und genoss.

Gerade schloss ihr Geliebter den obersten Knopf ihres Kleides, als eine sanfte Windböe Lay aus ihren Gedanken schrecken ließ. Trotz der sommerlichen Hitze am Tag, war es nachts sehr frisch und die Böen kalt.

So schlang Layatha die Arme um sich und ging zurück zum Baum. Ihre Haarspange lag noch immer an der Stelle, wo sie sich wenige Minuten zuvor lustvoll gerekelt hatte. Jorian hatte ihr Haar geöffnet, das so schwarz wie der Nachthimmel selber war. Nun lag die Spange vergessen auf dem Boden und reflektierte das schwache Licht Thorduns. Lay kniete vor der Spange nieder, nahm sie in ihre Hand und strich sanft über die Schnitzerei darauf.

Eine kleine Fee, die auf einem Apfel saß. Jorian hatte sie beim letzten Handwerkswettbewerb des Dorfes angefertigt, und nach seinem Sieg ihr geschenkt. Ihre gesamte Familie sah den Schmuck nicht gern, allen voran Danthe, doch sie konnte sich einfach nicht davon trennen.

Ihre Familie hatte sich für Layatha eine gute Partie gewünscht. Sie war eine recht wohlgeborene Tochter, für einen Großgrundbesitzer eine passende Frau. Sie hätte ein Leben auf einer Farm führen können, mit allem von Anfang an beschenkt, für das ihre Eltern immer hart arbeiteten.

Doch ihre Liebe war auf den charismatischen Burschen von nebenan gefallen, der unbeliebte Sohn eines einfachen Arbeiters. Und ihre Liebe war unantastbar – weder Bilron noch Aeryn Apfelberg würden es wagen, ihrer Tochter wahre Liebe zu verweigern, wo sie beide doch keine Zwangs- sondern eine Liebesverbindung waren.

Jorian war seiner Geliebten gefolgt und stand nun lächelnd hinter ihr. „Du trägst sie immer noch?“, er half Lay wieder hoch und sah mit ihr die Spange an. „Ich habe sie vorhin im Dämmerlicht kaum erkannt.“

Layatha lächelte ebenfalls, drückte die Spange in Jorians Hände und begann, ihre Haare zu einem ordentlichen, aber hastigen Dutt zu knoten. „Würdest du?“, fragte sie den Handwerker liebeswürdig und er nickte, trat zu ihrem Rücken und steckte ihr die Spange mit gewohnter Geschicktheit in die Haare. Dann streichelte er ihre Schultern, küsste ihren Hals und murmelte leise in ihr Ohr: „Musst du schon so früh zurück?“

Lay drehte sich um, legte die Hände an seine Brust und schob ihn sanft aber bestimmt ein wenig von sich fort, antwortete dann mit ernster Miene: „Ja. Mutter wartet auf die Äpfel. Ich sagte ihr, ich würde nur kurz bleiben und nun“, sie deute um sich herum, auf den Hain, den Himmel, „sieh’ dir an wie spät es ist!“

Mit einem bedauernden Seufzen drehte sich Jorian dem Baum entgegen und hob seine Weste auf. Er trug bisher nur seine lederne Hose und sein Baumwollhemd, das locker um seinen Hals und seine Schultern hing. Die Weste zog er sich über, hastig und ohne Vorsicht, zerzauste damit sein pechschwarzes Haar. Lay kam zu ihm, kämmte es mit ihren Fingern. Sie spürte einen Anflug von Enttäuschung bei ihrem Liebsten, und wollte dies nun durch Versprechen und Zärtlichkeiten wieder gut machen.

„Verzeih’ mir.“, sagte sie, schnellte hoch und küsste seine Nasenspitze. „Morgen nehme ich mir mehr Zeit für dich.“

Jorian legte die Arme um ihre Hüfte, drückte den Korb schmerzhaft gegen ihr Becken, doch ließ sie sich nichts anmerken. „Morgen musst du den Handel führen.“, sagte er trocken und blickte ihr starr in die Augen.

„Aber nicht lange. Danthe und Vater kommen morgen vom Hain herunter. Ich werde zur Schenke gehen müssen, um von dort etwas Malz zu holen“, sagte sie mit einem schwachen Akzent von Verruchtheit in ihrer Stimme. Jorian lächelte und küsste sie. Obwohl der Korb weiter drückte, wies sie ihn nicht ab, sondern erwiderte mit derselben Intensität und Ungeduld seine Leidenschaft.

„Doch weswegen kommen sie schon morgen zurück?“, fragte er ehrlich interessiert.

Lay wand sich aus seinen Armen und bearbeitete ihre Unterlippe. Sie mochte nicht an die Krankheit ihres Vaters denken, doch Jorians Frage hatte ihre Gedanken wieder dorthin gelenkt. „Ich glaube, eine ihrer Leitern ist gebrochen.“, log sie zaghaft, wandte sich dann an ihn und lächelte so unschuldig, wie es ihr möglich war. Jorian erwiderte ihr Lächeln. „Ich könnte sie für euch reparieren“, schlug er mit freudenvoller Stimme vor. Lays Magen verkrampfe sich, denn sie wusste, dass dies nicht so einfach gehen würde. Zwar war der junge Handwerker darauf erpicht, sich mit der Familie Apfelberg freundlich zu stimmen, doch allen voran Danthe wies den Geliebter seiner Schwester immer wieder ab.

„Ich glaube nicht, dass mein Vater dies gutheißen würde..“, begann Lay vorsichtig, doch kaum war dieser Satz über ihre Lippen gekrochen, so sah sie schon, wie Jorians Enthusiasmus wie ein Kartenhaus zusammen fiel. „Ich verstehe.“

Er seufzte, schlang ein letztes Mal die Arme um seine Apfelgöttin und küsste sie lange, zärtlich und voller Aufopferung. „Ich erwarte dich morgen. Versprich mir, dass du kommst.“, flüsterte er ihr zu, als sich seine Lippen von ihren trennten.

„Ich verspreche es dir, mein Geliebter.“

Jorian löste sich widerwillig von ihr, küsste ein letztes Mal ihren Handrücken und eilte dann den Hain herab.

Layatha stand weiter da, blickte ihm nach. Dann seufzte sie und machte sich selber, beladen mit ihrem Korb, auf den Rückweg bereit.

14.12.06 19:57
 


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